Analysten favorisieren Aktien der britischen Lebensversicherer und Energie-Konzerne
Märkte nehmen die dritte Amtszeit Blairs gelassen auf

Die Märkte reagierten, als wäre nichts geschehen. Der historische dritte Wahlsieg von Premierminister Tony Blair bewegte am Freitag die Kurse kaum – auch weil der Ausgang nicht unerwartet kam.

LONDON. Andere Faktoren interessieren die Börsianer vorerst mehr. Auf der Anleiheseite waren es die US-Arbeitsmarktzahlen, auf die der Markt wartete. Und eher als innenpolitische Aspekte drückte das Pfund eine Erhebung der Bank Halifax, wonach die Hauspreise so gering steigen wie seit Juni 2001 nicht mehr. Wichtig ist das Thema Europäische Union (EU). „Der andere große Volksentscheid ist interessanter: Was sagen die Franzosen zur EU-Verfassung?“, fragt sich John Hatherley, Leiter des Bereichs globale Analyse des Fondsmanagers M&G Investments.

Auch ein Blick in die Geschichte ergibt keinen Anhaltspunkt für halbwegs treffsichere Prognosen. Die niederländische Bank ABN Amro hat die vergangenen zehn Wahlen untersucht. Ergebnis: Fünfmal tendierte der Markt im Monat nach dem Votum nach oben, fünfmal nach unten. Auch konnte die Bank nicht das Vorurteil bestätigen, ein Sieg der vermeintlich wirtschaftsfreundlichen Konservativen erfreue die Märkte eher als ein Gewinn Labours: In Großbritannien war es eher umgekehrt.

Wenigstens kommen nun, nach der Wahl, die wichtigen Themen wieder auf den Tisch. Im Sommer wird der Regierung eine Studie vorgelegt, wie die Renten-Lücke zu schließen ist. Derzeit beträgt die Lücke mehr als 27 Mrd. Pfund (39 Mrd. Euro) im Jahr. Es scheint ausgemacht, dass private Vorsorge in Zukunft eine größere Rolle spielt. Die Aussichten für Aktien des Lebensversicherungssektors schätzt ABN Amro daher positiv ein. „Der Sektor ist derzeit so günstig bewertet wie seit zehn Jahren nicht mehr“, meint Ian Richards von der Bank. Zu den favorisierten Sektoren gehören wegen des hohen Ölpreises auch die Energie-Konzerne. Dagegen sollte man sich nach Ansicht von ABN Amro von Aktien aus dem Einzelhandel trennen. Die Verbraucher hielten sich stärker zurück als in den vergangenen Jahren. Und bis auf Marktführer Tesco, der sich künftig mehr auf das Ausland konzentriert, erzielt die Konkurrenz ihre Profite im Königreich.

Heute reagiert die Bank von England mit ihrer Zinsentscheidung auf die Wahl. Doch weil die Wirtschaft nicht mehr so gut läuft – die Verkäufe im Einzelhandel waren im April so stark zurückgegangen wie seit 13 Jahren nicht mehr und das Verarbeitende Gewerbe ist weiterhin schwach – dürfte sich nach Ansicht von Bank of America-Chefvolkswirt Holger Schmieding „kaum jemand im geldpolitischen Komitee der Bank von England für höhere Zinsen aussprechen“.

Schmieding erwartet eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf zwei Prozent – womit Deutschland schon glücklich wäre. In Großbritannien ist es „eine Rückkehr zu normalen Werten“ – und keine guten Nachricht für das Pfund: Schmieding schätzt, dass das Pfund statt derzeit knapp 1,90 Dollar künftig nur noch 1,78 Dollar wert ist. Gegenüber dem Euro dürfte sich das aktuelle Verhältnis von 1,44 Euro je Pfund kaum verändern, weil auch die Einheitswährung gegenüber dem Greenback seiner Ansicht nach zurückfällt. Auch für die Anleihemärkte wirkt sich die Schwäche der britischen Wirtschaft negativ aus. Erwartet die Bank von America einen Anstieg der Renditen in den USA von 4,2 auf 5,1 Prozent, so geht sie bei den Briten nur von einem Plus von 4,5 auf 4,8 Prozent aus.

Selbst ob Blair wie angekündigt die nächsten vier Jahre im Amt bleibt, „interessiert die Märkte kaum“, sagt Hatherley. Blairs möglicher Nachfolger Gordon Brown ist als Schatzkanzler in der City bekannt. „Er garantiert Stabilität.“

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