Börsenweisheiten
Wie kurz sind die Beine der politischen Börsen?

Es galt lange als ausgemachte Sache unter Börsianern, dass der Einfluss von politischen Ereignissen auf die Kurse nur kurz wirkt. Doch gilt die Weisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“ in der Schuldenkrise noch?
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DüsseldorfDie Nachrichten flackern im Sekundentakt über die Bildschirme: Ein Putsch gegen einen Präsidenten, ein Aufstand in einem diktatorischen Regime, eine Hängepartie im US-Kongress – im Lauffeuer verbreiten sich Gerüchte und Fakten an der Börse. Die Kurse reagieren prompt und oft auch heftig. Doch politische Ereignisse bringen die Märkte nur kurz aus dem Tritt. Das zumindest besagt die Börsenweisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“.

Ein zugegeben historisches Beispiel: Als am 19. August 1991 die ersten Gerüchte über einen bewaffneten Aufstand gegen Russlands Präsidenten Michail Gorbatschow die Runde machten, stürzten an der Frankfurter Börse die Kurse ab. Die Angst vor politischer Instabilität, vor Unruhen im Osten war groß. Einige Tage später – die Putschisten waren zur Aufgabe gezwungen worden, Gorbatschow war nach Moskau zurückgekehrt – hatte der Dax sich bereits wieder erholt. Die große Weltpolitik hatte die deutschen Standardwerte nur kurz belastet.

Doch wie kurz sind die Beine der politischen Börsen heute? Immerhin schauen die Anleger seit mehr als zwei Jahren wie gebannt darauf, wie die Politik die Haushaltsmisere in den Euro-Staaten und den USA in den Griff bekommen will. Gilt die Börsenweisheit in Zeiten der Schuldenkrisen überhaupt noch?

Ja, meinen die Experten. „Sich diese Weisheit hinter die Ohren zu schreiben, gehört zu dem wichtigsten Rüstzeug für Börsianer“, ist Loys-Fondsmanager Christoph Bruns überzeugt. Die alte Börsenregel gelte heute sogar mehr denn je, meint auch Wirtschaftsprofessor und Crashprophet Max Otte, und verweist auf die Schnelllebigkeit und Machtlosigkeit der heutigen Politik. Und auch Thomas Meyer zu Drewer glaubt an die Börsenweisheit: „Wahrscheinlich sind die Beine sogar noch kürzer geworden“, sagt der Chef des Indexfonds-Anbieters Comstage. Schließlich würden sich Ereignisse durch die Globalisierung von Informationen immer kürzer und schneller auswirken.

Einer der das ganz anders sieht, ist Niels Nauhauser. „Politische Börsen haben kurze Beine“ sei mehr Redensart als Weisheit. „Die Redensart ist bei Börsenkommentatoren beliebt, wenn sie das Tagesgeschehen an den Märkten kommentieren“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Es dürfte niemand ernsthaft behaupten, dass politische Entscheidungen grundsätzlich keine Auswirkungen auf die Börsen haben.“

Das sehen die Börsianer im Grunde ähnlich, nur sind sie überzeugt, dass politische Kapriolen eben nicht nachhaltig auf die Börsenstimmung drücken. „In den modernen Demokratien gibt es hinreichend viele Mechanismen, um politische Krisen früh zu erkennen und innerhalb eines vernünftigen Zeitfensters auszubügeln“, sagt Fondsmanager Bruns. In den Medien würden politische Krisen schnell und viel Aufmerksamkeit finden, allein schon unter diesem öffentlichen Druck würden bald Lösungsvorschläge reifen.

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