Emerging Markets
„Rezession verstärkt politischen Zündstoff“

Anschläge und Unruhen rücken die politischen Risiken in Schwellenländern zurück ins Bewusstsein der Anleger. Auch die Finanzkrise trifft die Emerging Markets mit Wucht. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Janis Hübner, Schwellenländerexperte der Dekabank, wieso sich die Schwellenländer der Krise nicht entziehen können und welche Risiken drohen.

Terror in Indien, Revolte in Thailand, Religionskonflikte in Nigeria - aus den Schwellenländern häufen sich die Nachrichten über politische Unruhen. Müssen Investoren ihr Engagement in Emerging Markets vor diesem Hintergrund überdenken?

Die Terroranschläge in Indien sind kein spezifisches Schwellenländer-Problem. Seit 2001 wissen wir, dass Terror eine internationale Gefahr ist, die Emerging Markets und Industrieländer gleichermaßen trifft. Zudem ist der Konflikt in Indien ja nicht neu, er war nur in den vergangenen Jahren in den Hintergrund getreten. Anders ist die Situation in Thailand und Nigeria. Das sind sicherlich Konflikte, die typisch für Emerging Markets sind. Insgesamt haben sich die politischen Risiken trotz der aktuellen Häufung aber nicht erhöht. In manchen Ländern wie der Türkei oder machen lateinamerikanischen Staaten hat sich die Lage sogar in den vergangenen Jahren deutlich stabilisiert.

Ist diese Stabilität nicht sehr fragil und kann jederzeit wieder kippen?

Wir sind nicht an dem Punkt, dass es überall lodert. Nur wenige Länder befinden sich in einer politischen Krise. Aber verglichen mit Industrieländern ist die Stabilität in vielen Emerging Markets natürlich weniger verankert. Eine latente Unsicherheit müssen Investoren hier immer berücksichtigen. Und eine Sache ist klar: Wenn ein Schwellenland in die Rezession rutscht, verstärkt das den politischen Zündstoff - vor allem dann, wenn viele Menschen in Armut leben.

Die Finanzkrise hat jedenfalls auch die Schwellenländer inzwischen mit Macht erreicht. Inwiefern erhöht das die Risiken?

Die Konflikte, die wir aktuell beobachten, hätten auch ohne Finanzkrise jederzeit auftreten können. Aber es ist richtig: Alle Theorien von einer Abkopplung der Emerging Markets vom Abschwung in den Industrieländern haben sich überholt. Verwunderlich ist das nicht: Die Risikoaversion hat ernorm zugenommen und in solchen Zeiten ziehen sich Investoren aus Schwellenländer-Anlagen zurück. Das war auch schon in den ersten drei Quartalen zu beobachten, obwohl es den meisten Emerging Markets zu dieser Zeit wirtschaftlich noch nicht schlecht ging.

Wieso hat sich das jetzt schlagartig geändert?

Mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September hat die Krise eine neue Dimension erreicht. Bis dahin war das Vertrauen von Investoren und Unternehmen relativ immun. Man hat sich zwar Sorgen um die US-Wirtschaft gemacht, aber eine tiefe Rezession haben nur wenige erwartet. Inzwischen hat sich die Stimmung massiv eingetrübt und an den Märkten für starke Verwerfungen geführt. Einen Teil der Schwellenländer trifft das über den Preiseinbruch bei Rohstoffen. Andere, deren Wirtschaft auf Warenexporte in die Industrieländer aufbaut, leiden unter der weltweit einbrechenden Nachfrage. Obendrein kommt die Verunsicherung der lokalen Firmen und Konsumenten in den Emerging Markets, die über Medienberichte von der Finanzkrise geschürt wird. Und auch die Möglichkeiten, sich im Ausland Kapital zu besorgen, haben sich im Zuge der Turbulenzen stark verschlechtert.

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