Essay
Griechenland sollte Deutschland eine Warnung sein

Die EU muss den politischen Willen zeigen, die Währungsunion zum Erfolg zu führen. Dass ein solcher Kraftakt gelingen kann, hat die deutsche Einheit bereits gezeigt. Ein Essay vom Hedge-Fonds-Manager Karsten Schröder.
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Im März 2010 machte ich in einem Fernsehinterview den Vorschlag, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen möge. Obwohl ich damit weder der Erste noch der Einzige war, galt die Aussage damals als durchaus provokant. Seitdem sind 15 Monate vergangen, und die Situation hat sich noch weiter verschärft. Wir sprechen heute nicht mehr nur von Griechenland, sondern von einer Gruppe von Staaten, die mit einer Vielzahl von Abkürzungen gruppiert werden, PIGS, Club Med, usw. Grundsätzlich handelt es sich also um die Länder am südlichen Rand der Euro-Zone plus Irland.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass derartige Begriffe einen abwertenden Unterton haben. Ist dies fair, und deckt sich dies wirklich mit den Tatsachen?

Europa hat, und dies gilt für die meisten Mitgliedstaaten der Gemeinschaft, ein eklatantes Schuldenproblem, ausgelöst durch eine verantwortungslose Politik der letzten Dekaden. Die Regierungen denken oft nur in Wahlperioden und bringen die nötigen Schritte und Reformen nicht auf den Weg. Schlussendlich hat dies zu verschiedenen Phänomenen in den einzelnen Ländern geführt – es eint sie jedoch die Problematik einer zunehmenden und schwerer in den Griff zu bekommenden Staatsverschuldung.

Zugleich ist es bedauerlich, dass gewisse politische Strömungen diese Entwicklungen ausnutzen, um mit populistischen Methoden Ängste zu schüren und das große Projekt der europäischen Einigung infrage zu stellen. Wir alle brauchen ein starkes, geeintes Europa und eine stabile europäische Währung, um in der immer stärker globalisierten Welt mit den aufstrebenden Wirtschaftregionen im Fernen Osten unsere starke ökonomische Stellung behaupten zu können.

Dieses Ziel gilt es zu verfolgen und nicht aus den Augen zu verlieren. Dennoch darf man sich aber auch nicht den Realitäten verschließen.

Die europäische Währung ist 2002 in Bargeldform eingeführt worden. Das große Projekt Euro wurde den Menschen ohne eine hinreichende Erklärung aller Implikationen „verkauft“. Eine gemeinsame Währung bedeutet in der Konsequenz eine Aufgabe nationaler Souveränität in vielen wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen. Es kann nicht etwas zusammengeführt werden, was zunächst einmal nicht zusammenpasst. Der Währungsunion hätte eine strenge Harmonisierung von Arbeitsmarkt-, Steuer-, Sozial-, Renten-, Finanz- und Haushaltspolitik vorhergehen müssen. Die Unterschiede waren und sind zu gravierend.

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  • @ Manfred 2011
    Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands ist unbestreitbar ein großartiges Erlebnis gewesen. Auch eine europäische Einigung würde die gleiche Würdigung verdienen. Die Finanzierung des Aufbaus Ost muss rückblickend und vergleichend dagegen kritisch beurteilt werden. Sie wurde 100prozentig aus Neuverschuldung finanziert. Exakt in der Höhe der Finanzierung sind die Staatsschulden gestiegen, weil die alternative "Innenfinanzierung durch Wettbewerbsvorteile" keine solidarische Zustimmung fand. Dabei haben andere Länder mittels Sonderwirtschaftszonen beachtliche Erfolge erreicht; China ist auf diesem Wege zum weltgrößten Gläubiger geworden, während wir in Schulden nahezu ersticken. Völlig zu Recht stößt die Wiederholung der Finanzierung des europäischen Aufbaues nach dem Vorbild der Ost-Aufbaufinanzierung auf Skepsis. Ländern mit geringer Produktivität sollten Rahmenbedingungen zum Abbau der Leistungsdefizite genehmigt werden, statt die Folgen des Produktivitätsrückstandes mittels Transferzahlungen zu deckeln. Morchels Kommentar benennt die fortdauernde Spaltung. Diese Wertung ist pauschal und unterscheidet nicht zwischen Wirtschaft und Staat. Die andauernde Transferabhängigkeit ist m.E. eine Folge der Schulden- statt Anreizfinanzierung. Dagegen ist die staatliche Einigung gelungen. So zeigt Sachsen mit seiner hohen Anzahl von Spitzenbeamten in Verwaltung und Justiz, die nicht aus Sachsen stammen, dass auch EU-Länder durch leistungsfähiges Personal aus anderen Staaten klug geführt werden könnte. Leider dürfte der sächsische Weg aber schon im benachbarten Bayern auf Ablehnung stoßen. Mittels Delegierung von Spitzenbeamten könnten wir Deutsche unseren Nachbarn möglicherweise viel wirksamer helfen, als mittels Transferzahlungen.

  • Die Hirnwäsche fängt schon bei der Wortwahl an: Wer ist Deutschland? Ein homogener Haufen bestehend einer 5-10% großen Elite von Euro-Protagonisten, die ihren Profit aus diesen Verzerrungen zieht? Wer ist „Exportwirtschaft“? Export-Industrielle, ein überschaubarer Kreis von Großaktionären, ihren Hausbanken, den Spekulanten? Oder ist es das Heer von ausgebeuteten Export-Niedriglöhnern, Lohnsklaven, Verlierern der EU, auf dessen Schultern die Handelsbilanz-Defizite anderer erzwungen werden - ein System, welches nur funktionieren kann, indem man Wechselkursanpassungen verhindert?

    Da stellt sich der Banker, der Exportindustrielle, der Großaktionär über Volkspropaganda-Blätter auf eine Stufe mit dem dummen Heinrich ---> http://www.shortnews.de/...

    Das hat mit „Rechtspopulismus“ wenig zu tun, es ist schlicht das Fehlkonstrukt. Ein Lehrfilm: ---> http://is.gd/2rQPtP

  • Da ist sie wieder: Die Endloskassette - die "alternativlose" ewig Mühle der Gehirnwäsche:

    Sie schreiben:
    "Es ist ein Märchen, welches vornehmlich von den Rechtspopulisten verbreitet wird, dass Deutschland der Zahlmeister für den Euro ist. Keine Volkswirtschaft hat von der Einführung des Euros so sehr profitiert wie der Exportvizeweltmeister"

    Wenn man Sommer 2011 eines vom Autor des Artikels erwartet hätte, dann diese Einsicht. Doch das Gegenteil ist offenbar der Fall. Fakt ist: In keinem Land der EU gab es seit Gründung der Gemeinschaftswährung kontinuierlich Reallohnverluste wie in Deutschland. Die Verlierer werden obenauf die Kosten des jetzigen Schuldendisasters durch Transferleistungen zu tragen haben.

    Fakt ist: Dem einfachen Volk wurde die Rendite an der "Volksaktie DM" genommen und im Tausch für "Wechselkursanpassungen" griechische, portugisische und irische Schuldscheine untergeschoben. Verkehrte Welt: Fuhr früher der Deutsche nach Mallorca, ist es anders herum. Realwirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer findet nicht mehr statt, vielmehr wird in eine "Too-big-to-fail-Blase hinein exportiert, vorgesehen zu Absozialisierung auf Kosten der Arbeitnehmer. Kurz um: Eine gigantische Umverteilungsunion.

    Was nutzen Erfolgs- und Jubelmeldungen, mit dem sich 90% des Volkes nicht identifizieren können?

    Das Zwangsjacket der gemeinsamen Währung bildet vielmehr den Sockel für erfolgreiches Lohn-, Sozial- und Rentendumping in Deutschland und das Ponzisystem der Eurozone, basierend auf einem Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Profite verschwinden in den Taschen einer kleinen Elite, während die Masse den Preis für den Wegfall von „Wechselkursschwankungen“ zahlt, sei es in Form von Vergemeinschaftung von Schuldzinsen, konkreten Transferleistungen, Bürgschaften, Garantien sowie einer hohen Inflation ohne Lohnzuwachs im eigenen Lande oder künstlich niedrig gehalten Außenwert seiner Währung.

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