Europa und Großbritannien
Wie der Brexit die Bank of England plagt

Ökonomen und Währungsexperten sind sich einig: Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union dürfte der Wirtschaft schaden. Englands Zentralbank versucht sich aus der Debatte herauszuhalten – vergeblich.

LondonDie britische Notenbank setzt in der Debatte um eine möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auf Understatement – dabei dürfte ein „Brexit“ die Wirtschaft, das Pfund und die Aktienkurse im Land deutlich beeinflussen. Dennoch: Die Zentralbank werde keine Position in der Debatte über den Verbleib des Landes in der EU beziehen, sagte der Chef der Bank of England, Mark Carney am Dienstag vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments.

Bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU droht die Wirtschaft nach Ansicht der Notenbank allerdings Schaden zu nehmen. Ein sogenannter Brexit könne die Wirtschaftsleistung dämpfen, da das Vertrauen in das Land sinke, warnte Carney. Das Pfund dürfte zudem geschwächt und die Inflation angeheizt werden. Bereits seit Festlegen des Datums für das Referendum (23. Juni) hat die Währung des Inselstaats gelitten. Ein Pfund ist derzeit 1,42 Dollar wert, zu Jahresbeginn waren es noch 1,48 Dollar.

Das für die britische Wirtschaft wichtige Finanzviertel London hatte sich jüngst gegen einen Brexit ausgesprochen. Carney sagte, er habe sich mit Premierminister David Cameron nicht darüber abgesprochen, wie er dieses politisch sensible Thema in der Öffentlichkeit behandle.

Allerdings sagte Carney, dass er die Vereinbarung begrüße, die der Ministerpräsident mit der EU erreicht habe. Cameron hatte nach eigenen Worten im Februar für sein Land einen Sonderstatus innerhalb der Europäischen Union herausgeholt. Eine Ausnahmeregelung für Großbritannien von einer Verpflichtung zum immer engeren Zusammenschluss der EU soll in einer EU-Vertragsänderung verankert werden.

Mit dem Versuch, sich in der Debatte nicht zu positionieren, scheiterte Carney aber vor dem Ausschuss. Ein Abgeordneter, Jacob Rees-Mogg griff Carney an, dass die wirtschaftliche Analyse des Brexit eindeutig die Position der Regierung unterstreiche. „Es ist unter der Würde der Bank of England, spekulative Pro-EU-Statements abzugeben“, wetterte Rees-Mogg, der Camerons konservativer Partei angehört.

Carney verteidigte die wirtschaftliche Analyse, die sicherlich nicht die einzige Entscheidungsgrundlage für oder gegen einen Brexit sei. Er blieb aber dabei, für die Institution keine Position zu beziehen.

Am Montag hatte die Bank of England bereits mitgeteilt, dass sie im Vorfeld des Referendums im Juni dem Banksystem zusätzliche Liquidität zum Abruf bereit stellen werde, sollte es heftige Marktreaktionen geben.

Am Aktienmarkt sind bereits einige Verlierer wegen der Unsicherheit um die europäische Zukunft Großbritanniens ausgemacht. Zwar liegt der wichtige britische FTSE-100-Index seit Jahresbeginn nur ein Prozent im Minus. Doch das wird vor allen Dingen auch der Pfundschwäche und dem deutlichen Kursplus bei Rohstofftiteln zugeschrieben.

Innerhalb des FTSE 100 gibt es eindeutige Verlierer. Ein Index mit potenziell vom Brexit benachteiligen Firmen liegt seit Jahresbeginn 13 Prozent im Minus. Das von JP Morgan erstellte Vergleichsmaß enthält Werte wie Barclays. Die große britische Bank gilt wie andere Finanzhäuser als Brexit-Benachteiligte. Denn ein Verlassen der EU dürfte die Bank of England zu einer noch längeren Phase an Niedrigzinsen zwingen, was der Profitabilität von Banken schaden könnte.

Agentur
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