Finanzmärkte
Draghis muss liefern, sonst ...

Mario Draghi hat etwas sehr Gewagtes getan: er hat etwas versprochen, was keine geringe Sache ist, nämlich den Euro zu retten. Die große Frage an den Märkten ist: Kann er das auch halten? Nicht alle glauben daran.
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DüsseldorfVor wenigen Tagen hatte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) vollmundig verkündet, man werde den Euro retten – koste es, was es wolle.  An den Börsen in aller Welt mussten die Investoren nicht lange überlegen. Draghi wird Geld drucken, das war die Botschaft. Ein Blankoscheck für jeden Spekulanten; wie Weihnachten im Sommer. Also, nichts wie Aktien kaufen!

In Frankfurt kratzt der Deutsche Aktienindex (Dax) wieder an der Marke von 7000 Punkten. Vor wenigen Monaten, als sich die Eurokrise einmal mehr zu verschlimmern drohte, sprachen viele Analysten, Strategen und andere Börsenbeobachter häufiger von 5000 oder gar 4000 Punkten. Aber 7000, noch dazu in so kurzer Zeit? Undenkbar! Offenbar hatten sie die Kräfte von Super-Mario unterschätzt, die Wirkung seines Euro-Rettungsversprechen. Der alte, hochverschuldete Kontinent sah nach den Worten des Italieners plötzlich so viel besser aus. Nicht nur aus Sicht der Kontinental-Europäer, auch die Amerikaner und Briten  nahmen Draghis Einladung dankend an – und kauften Aktien. An der Wall Street, in New York, notiert der altehrwürde Dow-Jones-Index wieder deutlich über der Marke von 13000 Zählern.

Zwei Gründe gibt es, warum  die Anteilsscheine der Unternehmen plötzlich wieder so interessant erscheinen. Draghi könnte, so die Theorie, Staatsanleihen der angeschlagenen südeuropäischen Länder kaufen und so deren Refinanzierungskosten senken. De facto würde der Zentralbankchef damit Geld drucken. Mit den frischen EZB-Euro kaufte er den hochverschuldeten Staaten Zeit. Zeit, ihre maroden Haushalte in Ordnung zu bringen.  Das viele Geld würde letztlich auch den Unternehmen zugute kommen, weil die Staaten sich nicht „kaputtsparen“ müssten. Eine große Wirtschaftskrise ließe sich mit der Druckerpresse womöglich verhindern.

Der zweite Grund leitet sich aus dem ersten ab. Es sind die Nebenwirkungen gewissermaßen.  Denn mit dem Ankauf von Staatsanleihen würde Draghi die Geldmenge weiter ausweiten. Je mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf strömt, desto größer ist die Gefahr, dass die Inflationsraten kräftig steigen, vorausgesetzt, die Wirtschaft springt irgendwann an. Aktien, also Anteile an Unternehmen, gelten in so einem Umfeld als vergleichsweise verlässlicher Inflationsschutz.  Während Sparguthaben von den Teuerungsraten nach und nach aufgefressen werden, bleibt der Wert vieler Qualitätsaktien erhalten.

Jim O’Neill, Chairman von Goldman Sachs Asset Management, schrieb an seine Kunden, dass bei genauer Betrachtung „ziemlich deutlich“ werde, dass etwas Großes auf dem Weg sei. Das Ausbleiben von Zentralbank-Aktionen, die Draghi-Kommentare und der Besuch des US-Finanzministers Tim Geithner kürzlich in Deutschland deuteten auf einen Eingriff in den kommenden Wochen hin, der „durchdachter ist, als viele annehmen."

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Die Leerverkäufer kapitulieren

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  • Man ist der Plural!
    Müsste es nicht "Draghi muss liefern" oder
    "Draghis müssen liefern" heißen?
    P. S. Auf dem 10-Euro-Schein in meinem Geldbeutel hat er mit "Draghi" ohne "s" am Ende unterschrieben.

  • Na dann hätte ich schon so eine Idee, wer JR und wer Sue Ellen ist.

  • Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Finanzminister in der Vorverhandlung am 10.07.2012 vor dem Verfassungsgericht, die Frage des Vorsitzenden Voßkuhle eben nicht beantwortet hat. Oder täusche ich mich da. Lasse mich gern anders belehren. Wenn es geht mit
    Daten. Aber nicht die aus dem ESM Vertrag. Die kenne ich.
    Sie sollten Fairnisshalber die Target2 Salden nicht ausser acht lassen.

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