Finanzmarktforum „Investment Live“
„Wir investieren wie in der Steinzeit“

Die jüngsten Börsenturbulenzen verunsichern die Anleger – und senken ihre Risikobereitschaft. Doch bei der Handelsblatt-Veranstaltung „Investment Live“ geben Experten den rund 600 Zuhörern Entwarnung.

BielefeldAlbert Einstein soll einst gesagt haben, der Zinseszins sei die stärkste Kraft des Universums. Nur ist von dieser Kraft nicht mehr viel übrig geblieben, seit die größten Notenbanken der Welt die Zinsen quasi abgeschafft haben. Mit Anleihen oder Spareinlagen ist nicht mehr viel zu holen.

Das war auch den rund 600 Gästen des Finanzmarktforums „Investment Live“ von Deutscher Bank und Handelsblatt im Bielefelder Ringlokschuppen schmerzhaft bewusst. „Geldanlage ist schwieriger geworden“, sagte Oliver Plein, Leiter Produktspezialisten Aktien bei Deutsche Asset Wealth Management (DeAWM). „Gab es früher eine risikolose Rendite, gibt es heute renditeloses Risiko.“

Aktien gelten als ein Teil der Lösung des Dilemmas. Sie waren schon vor der Zinssenkungsorgie der Währungshüter langfristig die erfolgreichste Anlageklasse überhaupt, doch sie stehen nicht besonders hoch in der Gunst der Deutschen. Allein im vergangenen Jahr waren es wieder 600.000 Anleger, die sich von ihren Aktien und Fonds getrennt und der Börse den Rücken gekehrt haben.

Der Trend hält seit Jahren an. Im Ringlokschuppen waren allerdings die Aktionäre in der klaren Überzahl. Zumindest konnte der Moderator des Abends, Wall-Street-Reporter Markus Koch, von diesen „Börsen-Flüchtigen“ bei seinen Stichproben im Publikum niemanden finden. „Bielefeld ist scheinbar eine Stadt voller Aktionäre“, sagte er erfreut. Doch die Gäste des Finanzmarktforums sind sicher nicht repräsentativ für die Bundesrepublik.

Im Gegenteil. Die Deutschen sind ein Volk von Aktienmuffeln. Sparbuch statt Unternehmensbeteiligung lautet die Devise. Ein Phänomen, das Börsenexperten mitunter verzweifeln lässt. „Die Deutschen sind stolz auf ihre Unternehmen, aber sie trauen gleichzeitig ihrer eigenen Hände Arbeit nicht“, sagte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. „Tagsüber schuften sie bei Daimler oder BMW, abends können sie aber die Aktien dieser Konzerne nicht schnell genug verkaufen.“

Das hat Folgen, denn während die Deutschen sich von ihren Unternehmensbeteiligungen trennen, können ausländische Investoren gar nicht schnell genug zugreifen. „Die Mehrheit der mit Rekordgewinnen ausgestatteten deutschen Unternehmen ist in ausländischer Hand“, so Steingart.

Der Chemiekonzern Bayer beispielsweise sei zu 75 Prozent ein ausländisches Unternehmen. Genau anders herum sieht es bei der Deutschen Telekom aus. Sie ist zu 90 Prozent in inländischer Hand. Viele Investoren aus Zeiten des Börsengangs sitzen noch immer auf hohen Verlusten - und meiden auch deshalb jede andere Aktie.

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Die Zinswende als Risiko

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