Fünf Fragen an: Byron Wien
„Die Bodenbildung hat begonnen“

Byron Wien hat schon so manche Krise durchgestanden. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der Hedge-Fonds-Manager und ehemalige Chefstratege von Morgan Stanley, warum er mit einer Erholung der Börsen rechnet und Staatsanleihen nicht atrraktiv sind.

Handelsblatt: Wie sehen Sie die Wirtschafts- und Finanzkrise?

Byron Wien: Die hat sich über Jahrzehnte aufgebaut. Sie wird nicht in Wochen gelöst werden. Aber die gute Nachricht ist: Die meisten schlechten Nachrichten sind in den Kursen enthalten. Im letzten Herbst haben wir an den Aktienmärkten mit der Bodenbildung begonnen. Vielleicht werden wir noch ein neues Tief erleben. Und ich kann auch eine letzte Verkaufswelle nicht ausschließen. Aber die Situation wird sich in der zweiten Jahreshälfte verbessern.

Waren Sie nicht zuletzt zu optimistisch?

Ein S&P-500-Stand bei 1 200 Punkten war einer meiner "Ten Surprises", meiner zehn Börsenüberraschungen, die ich immer zur Jahreswende für das neue Jahr veröffentliche. Natürlich sieht das aus heutiger Sicht etwas unrealistisch aus. Um ehrlich zu sein, habe ich nie mit mehr als sieben der Überraschungen richtig gelegen. Und vom wirtschaftlichen Standpunkt aus liegt das Schlimmste noch nicht hinter uns. Die ökonomische Nachrichten werden bis zum Jahresende schlecht bleiben. Ab einem bestimmten Punkt aber sollte der Markt das antizipieren. Darauf setze ich.

Werden sich die Rohstoffpreise nach ihrem Absturz erholen?

Sie haben zuerst nach oben übertrieben, anschließend nach unten. Ich erwarte eine moderate globale Wirtschaftserholung im kommenden Jahr. Das wären gute Nachrichten für die Rohstoffe. Ich fühle mich auch jetzt ziemlich gut mit meinen beiden "Überraschungen" für 2009, die auf dieses Feld zielen: Öl bei 80 Dollar je Barrel, Gold bei 1 200 Dollar je Unze.

Können Sie den unglaublichen Ansturm auf erstklassige Staatsanleihen erklären?

Die Anleger haben die sichersten Produkte gesucht und beispielsweise US-Treasuries gekauft. Ich bin überrascht, dass der Dollar so stark ist angesichts der enormen Finanzierungsbedürfnisse in den USA. Aber der Dollar ist die am "wenigsten schlechte" Währung, und so greifen die Anleger zu. Was die US-Renditen angeht, sind die einfach zu niedrig. Sie waren im Tief bei zwei Prozent, sind jetzt auf drei Prozent gestiegen und können zum Jahresende vier Prozent erreichen. Unternehmensanleihen sind viel attraktiver. Das gilt für Emissionen erstklassiger und guter Adressen, allerdings nicht für die risikoreichen Hochzinstitel.

Sollten wir uns über die jüngsten starken Schwankungen der Währungen Sorgen machen?

Die Dollarstärke ist - wie gesagt - ziemlich überraschend. Aber ich sehe auch die Gefahr eines Auseinanderbrechens der europäischen Währungsunion. Diese Sorge schwächt derzeit den Euro. Aber Europa wird alles tun, um einen Zerfall zu verhindern.

Byron Wien (76) blickt zurück auf fast 50 Jahre Börsenerfahrung. Wien machte sich einen Namen als Chefstratege von Morgan Stanley, bevor er vor vier Jahren zum 2,4 Mrd. Dollar schweren Hedge-Fonds-Anbieter Pequot Capital Management wechselte. Zum Jahresstart veröffentlicht er seine "Zehn Überraschungen" für das laufende Börsenjahr.

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