Geld & Börse
Zu wenig Jessicas

Frage an Radio Eriwan: Sind die Analysten mit ihren Aktienempfehlungen besser geworden? Antwort: Im Prinzip ja, aber es muss schon eine Frau sein.

NEW YORK. Rocklegende Jimmy Page schwang als Stargast die E-Gitarre und schmetterte den 69er-Led-Zeppelin-Hit "Whole Lotta Love" vom Balkon über die Köpfe der Wertpapierhändler in der New Yorker Börse. Treffender wäre "Whole Lotta Money" gewesen: Edgar Bronfman Junior und andere Investoren feierten im Mai den Börsengang der Warner Music Group (WMG). Erst 16 Monate zuvor hatte Bronfman mit anderen das Plattenlabel für rund 2,7 Milliarden Dollar von AOL Time Warner gekauft.

Bronfmans Zahltag war nicht so üppig wie erhofft. Die Aktien wurden zu nur 17 Dollar angeboten, weit unterhalb der anvisierten 22 bis 24 Dollar. Der Grund: Jessica Reif Cohen, seit 1994 Analystin bei Merrill Lynch, war aus der Reihe getanzt. Mit ihrer negativen Einschätzung der Aktie drückte die New Yorkerin vor dem Börsengang nicht nur den Emissionskurs und damit den Börsenwert von WMG um rund 800 Millionen Dollar; sie katapultierte mit ihrer Hartnäckigkeit ihren Arbeitgeber aus dem Emissionskonsortium.

Merrill Lynch ging leer aus, als ein hoher zweistelliger Millionenbetrag an Gebühren verteilt wurde.

Analysten mit Rückgrat? Mit überzogenen Gewinnerwartungen, utopischen Kurszielen und Gefälligkeitsgutachten vor Börsengängen pumpten doch vor allem die fest angestellten Aktienbewerter der Banken die Börsenblase Ende der Neunzigerjahre auf und ruinierten ihren ohnehin nicht sonderlich guten Ruf vollends. Heute gilt schon die bloße Existenz einer Frau wie Reif Cohen als Beleg dafür, dass die Zunft seriöser geworden sei. Die Zeiten, in denen sich die Banken ein Heer von Analysten nur deshalb zu halten schienen, weil sie damit Umsätze und Kurse anheizen konnten, sollen vorüber sein. "Hat sich die Melodie an der Wall Street geändert?", fragt ungläubig die "New York Times".

Über Reif Cohens Standfestigkeit sagt John C. Coffee, Professor für Aktienrecht an der Columbia University: "Dies hätte vor drei Jahren nicht passieren können, der Analyst wäre auf alle möglichen Arten bedroht worden. Heute können die Banker nichts mehr sagen."

In der Tat: Der Versuch, einen aus Sicht der Anleger mutigen Analysten - oder aus Sicht der Bank starrköpfigen Quertreiber - wie Reif Cohen einzufangen und umzustimmen, wäre ein klarer Verstoß gegen die neuen Regeln, denen sich die meisten großen US-Banken mehr oder weniger freiwillig unterworfen haben. Danach muss ein Analyst unabhängig von anderen Interessen der Bank seinen Report erstellen. Sofort säße den Geldhäusern New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer wieder im Nacken, wenn er von einem Verstoß erführe.

Spitzers Team hatte tausende interner E-Mails von den Banken gesichtet und dabei Belege dafür gefunden, dass die Empfehlungen der Analysten eher die Interessen der Investmentbanker im Hause widerspiegelten als die der Anleger. Nach außen hatten Star-Analysten wie Henry Blodget von Merrill Lynch lautstark Kaufempfehlungen verkündet und vertrauensselige Anleger in die Aktie gejagt, während sie intern die gelobten Werte als Müll abkanzelten.

Insgesamt 1,4 Milliarden Dollar zahlten zwölf Banken in Vergleichsverfahren als Folge dieses Skandals. Außerdem verpflichteten sie sich, fünf Jahre insgesamt je 90 Millionen Dollar für unabhängiges Aktienresearch auszugeben.

In keiner Aktienanalyse von Goldman Sachs, Merrill Lynch, UBS, Citigroup oder Deutsche Bank fehlt heute der Hinweis, dass Kunden kostenlos unabhängiges Research zur betreffenden Aktie erhalten können. Die Banken haben dazu Links auf ihren Web-Sites oder gebührenfreie Rufnummern eingerichtet.

Seite 1:

Zu wenig Jessicas

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%