Höhenflug
Brasiliens Börse kennt kein Halten

Die brasilianische Börse Bovespa erlebt derzeit fast täglich Indexrekorde: Alleine in den letzten vier Wochen ist ihr Index um acht Prozent gestiegen. Seit Anfang März, als der Höhenflug einsetzte, hat der brasilianische Aktienmarktindex 34 Prozent gewonnen. Die Aussicht auf eine bessere Einstufung der Bonität des Landes lockt vor allem ausländische Investoren.

SAO PAULO. Auch die an den US-Börsen gehandelten Aktien brasilianischer Unternehmen haben seit Jahresbeginn 30 Prozent zugelegt – deutlich mehr als der Durchschnitt aller Schwellenländeraktien (16 Prozent). Nichts scheint derzeit den Optimismus bremsen zu können.

Eine Umfrage des Financial Investor Relations Brasil (Firb) unter 100 Börsenanalysten in Brasilien ergab einen gemittelten Bovespa-Index zum Jahresschluss von 61 300 Punkten, also noch rund zwölf Prozent Potenzial. Crédit Suisse hält sogar ein Kursziel von knapp 66 000 Punkten bis Ende Dezember für möglich. Das sind rund 20 Prozent an Indexsteigerung für die verbleibenden sechs Monate des Jahres.

Für das anhaltende Kursfeuerwerk in São Paulo gibt es mehrere Gründe. Neben dem stabilen Wachstum und sinkenden Kreditkosten in Brasilien sowie den beruhigenden Nachrichten aus den USA, dass dort nicht mit einem verschärften Zinsanstieg zu rechnen ist, treibt die Investoren an der wichtigsten Börse Lateinamerikas vor allem die Aussicht auf die höhere Bonitätsstufe „Investment Grade“. Nachdem alle Risikoagenturen in den letzten Wochen ihre Einschätzungen zu Brasilien verbessert haben, steht das Amazonasland nur eine Stufe unter dem begehrten Rating. Die Mehrheit der Analysten ist der Meinung, dass Brasilien spätestens in zwölf Monaten das Gütesiegel der Agenturen erhalten wird. Dann dürften künftig auch ausländische institutionelle Investoren (Pensionsfonds, Versicherungen) in Brasilien investieren.

Bisher besitzen in Lateinamerika nur Chile und Mexiko das begehrte Rating. Vergleiche mit den Erfahrungen in Indien, Russland, Mexiko und Korea zeigen – so der Finanzdienstleister GAS Investimentos aus São Paulo – dass deren Börsen nach Erteilung des Status rund ein Drittel stärker zulegten als die Emerging-Market-Börsen insgesamt. „Die größte Wertsteigerung der Aktien findet in den zwölf Monaten vor der Verleihung des Investment-Grades statt“, sagt Ricardo Amorim, Stratege von WestLB für Lateinamerika, „genau in dieser Phase befinden wir uns.“

Vor allem neue Unternehmen nutzen die Gelegenheit, ihre Aktien an der Bovespa zu listen, um vom erwarteten Zustrom an Kapital profitieren zu können: 27 Börsengänge haben dieses Jahr bereits statt gefunden. Weitere 30 sind schon bei der Börsenaufsicht gemeldet. Schätzungen über 80 bis 100 Neuzugänge an der Bovespa im nächsten Jahr scheinen nicht übertrieben. „Der Trend wird sich im nächsten Jahr fortsetzen“, erwartet João Batista Fraga, Direktor der Bovespa.

Ganze Branchen sind damit erstmalig an der Börse vertreten: Rund ein Dutzend neuer Immobilien- und Baukonzerne sind frisch notiert, bald kommen fünf Betreiber von Shopping-Malls hinzu. Auch neu sind mittlere Banken und Kreditunternehmen, die den Weg an die Börse wagen. Dazu kommen immer mehr Unternehmen, die vom Rohstoffboom Brasiliens profitieren, etwa Logistikkonzerne, Zulieferer oder Agrarunternehmen. Mitte Juli folgt der Kreditkarten-Verwalter Redecard. Mit der erhofften Kapitalaufnahme von 1,4 Mrd. Euro wäre es der größte IPO seit drei Jahren.

Vor allem ausländische Investoren treiben die Preise der neuen Aktien: Durchschnittlich zeichnen sie zwei Drittel des Aktienvolumens. Die hohe ausländische Beteiligung ist jedoch auch riskant: Sollte die Stimmung auf den internationalen Finanzmärkten drehen, dann werden diese teilweise überbewerteten neuen Nebenwerte am stärksten verlieren.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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