In den USA überwiegt Optimismus, aber vage Ausblicke der Firmen für das zweite Halbjahr dürften die Börsen belasten
Anleger hoffen auf gute Quartalsberichte

David Viniar blieb hart. Als der Finanzchef der Investmentbank Goldman Sachs vergangene Woche unerwartet starke Quartalszahlen präsentierte, schwieg er – trotz mehrfacher Nachfrage – zum Geschäftsausblick. „Sie verlangen von mir, die Zukunft vorherzusagen, und das ist stets schwierig“, blockte Viniar ab.

NEW YORK/DÜSSELDORF. Ähnlich orakelhaft dürften sich in der nahenden Quartalssaison viele US-Manager äußern. „Wir erwarten, dass die Firmen die Erwartungen der Analysten übertreffen, aber weiter keine klaren Prognosen abgeben“, sagt Ken Perkins vom Datendienst Thomson First Call. „Wie schon vor drei Monaten dürften sich die Unternehmen auch diesmal sehr bedeckt halten“, meint Gerhard Schwarz von der Hypo-Vereinsbank. Analysten erwarten keine konkreten Aussagen zum Geschäftsverlauf für das zweite Halbjahr und 2004. Zu ungewiss sind die Aussichten für die Weltwirtschaft.

Allenfalls die jüngste Börsenrally könnten Firmenmanager als Signal werten, dass der erhoffte Aufschwung naht. Dies dürfte die Bereitschaft wecken, die Rally mit optimistischen Ausblicken zu untermauern, sagt Tobias Levkovich von der Citigroup-Investmentsparte Smith Barney. „Man darf nicht vergessen, dass viele Topmanager selbst Aktien halten und vom steigenden Markt profitieren“, so Levkovich. Auf diese Weise könnte der Kursanstieg zum Selbstläufer werden.

Dass die Börsenrally sich noch etwas fortsetzt, glaubt auch Andreas Hürkamp von West LB Panmure. Die Märkte könnten Schwung bekommen, wenn ab dieser Woche die US-Unternehmen bessere Quartalsberichte abliefern als erwartet. Der Finanzdienstleister Thomson First Call rechnet damit, dass die Firmen im S&P-500-Index im Schnitt ein Plus von 8 % bis 8,5 % gegenüber dem Vorjahresquartal abliefern. Prognostiziert wurden bislang 5,3 %.

Während die Analysten für die Bereiche Finanzen und Energie Gewinnzuwächse von 14 % bzw. 36 % erwarten, zählen Chemie und Rohstoffe zu den Verlierern. Hier sank zuletzt die geschätzte Gewinnentwicklung von plus 3 % auf minus 10 % zum zweiten Quartal 2002. Bei zyklischen Konsumwerten (Auto, Einzelhandel) sieht es noch schlechter aus: Dort beträgt der erwartete Gewinnrückgang 7 % gegenüber 3 % noch vor wenigen Wochen.

Doch insgesamt überwiegt Optimismus. Dafür spricht die jüngste Unternehmenskommunikation. Obwohl die US-Berichtssaison schon Mitte Juli ihren Höhepunkt erreicht, zogen bislang nur wenige Hiobsbotschaften die Börsen abwärts. Ausnahme war der Fotofilmhersteller Eastman Kodak, dessen Aktienkurs nach einer Gewinnwarnung um mehr als 10 % einbrach.

„Wenn nach Beginn der US-Berichtssaison Europa mit seinen Quartalsergebnissen folgt, drohen an der Börse aber Rückschläge“, warnt Hürkamp. Sein Szenario: Viele Firmen auf dem alten Kontinent werden die Investoren enttäuschen – vor allem exportorientierte Firmen, die unter dem Euro-Anstieg von 20 % gegenüber dem Vorjahr leiden.

Um die Aktienkurse dauerhaft zu beflügeln, brauchen die Investoren nach Meinung von Thomson-Analyst Perkins optimistische Kommentare der Unternehmen zum zweiten Halbjahr. „Sie wollen hören, dass die Nachfrage gestiegen ist und der Ausblick sich verbessert“, sagt Citigroup-Stratege Tobias Levkovich. Doch das wird schwierig, da die Konjunktur lahmt und die Erwartungen an das zweite Halbjahr hoch sind. Analysten legen an die letzten sechs Monate einen ehrgeizigeren Maßstab an als für die erste Jahreshälfte. Im Schnitt gehen sie bei den S&P-500-Konzernen von einem Gewinnzuwachs von 12,7 % im dritten Quartal und von 21,3 % im vierten Quartal aus. Noch ambitionierter sind die Erwartungen in Europa.

Konsensschätzungen wie die des Finanzdienstes Ibes sagen für die Dax-30-Unternehmen im laufenden Jahr ein Plus von rund 30 % voraus, für die Firmen im europäischen Stoxx sogar von 40 %. Die Zuversicht basiert auf der Hoffnung, dass sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr deutlich belebt. Bleibt der Schub aus, sind die Zahlen Makulatur. „Früher oder später müssen die Märkte sich auf die Fundamentaldaten konzentrieren, und die sehen nicht sonderlich rosig aus“, sagt Thomson-Analyst Perkins. Zwar könnten die Börsen dies eine Zeit lang ignorieren, aber „der lange Abschwung hat gezeigt, dass die alten Regeln noch gelten“.

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