Interview mit Dirk Müller
„Alles stand vor dem Zusammenbruch“

Im Frühjahr 2007 gab es in den USA erste Zahlungsausfälle bei Subprime-Hypothekenkrediten - der Auftakt zur Finanzkrise. Rund 1000 Tage später schaut Dirk Müller im Interview mit dem Handelsblatt zurück auf die turbulentesten Tage, erklärt, wieso die Krise noch lange nicht ausgestanden ist und fordert eine Beschneidung von Groß- und Notenbanken.
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Herr Müller, im Frühjahr 2007 gab es in den USA erste Zahlungsausfälle bei Subprime-Hypothekenkrediten - der Auftakt zur Finanzkrise. Drei Jahre später: Geben Sie Entwarnung?

Nein, es gibt sicherlich keine Entwarnung denn kaum ein Problem wurde gelöst - die meisten wurden lediglich verschoben. Aus der Immobilienkrise wurde die Bankenkrise, wurde die Wirtschaftskrise, wurde die Krise der Staatsfinanzen und danach kommt nicht mehr viel. Bisher wurde bestenfalls etwas Zeit gewonnen. Auch die Banken haben bislang höchstens die Hälfte der faulen Kredite abgeschrieben.

Was war aus Ihrer persönlichen Sicht im Nachhinein der schwärzeste Tag?

Der entscheidende Meilenstein im Laufe der Krise war die Lehman-Pleite. Zu den kritischsten Momenten in Deutschland zählten die Stunden, bevor die Kanzlerin die Garantie für das Ersparte der Bürger ausgesprochen hat. In diesem Moment stand alles für wenige Stunden vor dem Zusammenbruch - der Sturm auf die Banken hatte bei uns bereits begonnen.

AIG retten, Lehman aber pleitegehen lassen - war das ein kluger Schachzug der US-Regierung?

Da steckte weit mehr hinter als nur rein wirtschaftliche Fragen. Lehman hatte schon in den zwei Jahren zuvor mit den Zahlen gemogelt. Dazu kamen wirtschaftliche Verwicklungen und persönliche Feindschaften zwischen dem Lehman-Boss und dem ehemaligen Goldman-Chef, Henry Paulson, der zu dieser Zeit das Amt des Finanzministers innehatte. Außerdem hat keine amerikanische Bank ein größeres Rad in Europa gedreht als Lehman. Durch deren Zusammenbruch wurde das amerikanische Problem zu einem weltweiten.

Was war die größte Überraschung?

Dass sich der Anstieg der Märkte seit März 2009 so lange halten konnte. Über ein Jahr hat sich die Stimmung des Finanzmarktes vollkommen von Fakten der Realwirtschaft entfernt.

Was war der größte Lichtblick in der Krise?

Dass es entgegen dem Anschein im Herbst 2009 bislang kein großes Chaos gab, sondern es nach wie vor gelingt, das Ganze geordnet vonstatten gehen zu lassen.

Wer ist der größte Gewinner der Krise?

Die amerikanischen Notenbank, die ihre Befugnisse erneut stark erweitern konnte.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum Dirk Müller für eine Abschaffung der Fed plädiert.



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  • Wow, da hat aber jemand den totalen durchblick. ich kann mich mit der Sichtweise Müllers nur zu 100% identifizieren. Was uns als heroische Krisenbekämpfung angedreht wurde, ist ein aufschub, mehr nicht. Der große crash kommt noch. Was in griechenland ist, wird bald den gesamten westen erfassen, und dann können wir mit dem Dollar Feuer anmachen. Die Chinesen wiederum haben in ihrer Unselbstständigkeit und Unfähigkeit den Weg des westens 1:1 kopiert. daher werden sie denselben Zusammenbruch der Kreditkaskade erleben wie die USA. dann werden wir mal sehen, ob die deutschen immer noch so tolle PKW-exporte nach China vermelden werden. dann ist auf einmal alles weg ! ich schätze, daß die Spieler und Gaukler und US-Knechte, die in den regierungen des westens sitzen, nicht mehr allzuviel Zeit haben. steigen die zinsen an, wird der gesamte Westen in bankrott gehen bzw. die Währungen kollabieren. Da muß sich das US-Großkapital schonmal langsam Gedanken machen, wo es den nächsten Krieg anzetteln will.

  • Dirk Müller sollte für Frau Merkel die Texvorlagen liefern. Der Mann ist OK.
    Leider hat sie schon einen anderen Regisseur.

  • @ Moritz J. Mueller
    Schön wenn der Traum in Erfüllung gehen würde.
    Aber die Realität zeigt anderers auf: die USA führen zwei Kriege - Europa ist an beiden beteiligt. Und Deutschland "verteidigt" im Hindukusch unsere demokratischen Werte.
    Derweil wird Demokratieabbau hier betrieben !

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