Kleine Börsen stellen etablierte Märkte ins Abseits
Die Aktien-Europameisterschaft

Drei Spiele noch – dann steht der neue Fußball-Europameister fest. Gastgeber Portugal gegen die Niederlande und Tschechien gegen Außenseiter Griechenland kämpfen heute und morgen in den Halbfinalspielen um den Einzug ins Endspiel. Nach vier Siegen ist Tschechien vom Geheimtipp zum Favoriten avanciert. Und das Land glänzt nicht nur auf dem Rasen, sondern auch auf dem Börsenparkett: Seit Jahresanfang gewann der tschechische Aktienindex PX über 20 Prozent an Wert und führt damit die Rangliste der EM-Länder zusammen mit Lettland an.

HB DÜSSELDORF. Reiner Zufall? Ganz sicher. Die Mehrheit der Analysten sieht keinen Zusammenhang zwischen der Kicker-Elite eines Landes und der Performance des heimischen Aktienmarktes. Doch wenn man die Börsenentwicklung in den EM-Teilnehmerländern betrachtet, drängen sich dennoch Parallelen auf. Dann lassen sich auch Fußballweisheiten auf das Börsenparkett übertragen: Es gibt keine Zwerge mehr, weder auf dem Platz noch auf dem Parkett – jedenfalls, was die Performance betrifft. Der lettische Index hat sogar noch einen Prozentpunkt besser abgeschnitten als das tschechische Kursbarometer. Lettland, das es überraschend in die EM-Vorrunde – wenn auch nicht weiter – geschafft hat, bescherte Anlegern an der Börse der Hauptstadt Riga seit Jahresbeginn ein Kursplus von rund 22 Prozent. Der Beitritt zur Europäischen Union (EU) am 1. Mai und die Zuversicht, dass das Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent anhält, haben das Kursfeuerwerk entfacht. Die Spekulation auf einen EU-Beitritt Bulgariens im Jahr 2007 verhalf auch der Börse Sofia zu einem ansehnlichen Plus von immerhin noch zehn Prozent.

Trotz derartig erfreulicher Kursentwicklungen sollten Aktienfans nicht vergessen, dass Rendite an der Börse auch seinen Preis hat: das Risiko. Kleine Börsen sind schwankungsanfälliger als große. Ein Investment dort kann also auch zur Zitterpartie werden.

Udo Rosendahl, Leiter der Researchabteilung für europäische Aktien bei der Fondsgesellschaft DWS sagt, für die kommenden Monate hätten die osteuropäischen Börsen ihr Potenzial verspielt. Die zuletzt gute Entwicklung erinnert ihn an den EU-Beitritt Portugals und Spaniens. „Kurz nach dem Beitritt ziehen die Kurse deutlich an, geben einen Teil der Gewinne aber recht schnell wieder ab“, sagt Rosendahl.

Und das Abschneiden der großen Fußballnationen? Die Indizes in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Spanien und England haben im ersten Börsenhalbjahr auf der Stelle getreten. Der Deutsche Aktienindex (Dax) konnte gerade einmal 1,5 Prozent zulegen. Und auch Aktien aus Holland brachten Anleger nicht unbedingt zum Jubeln. Magere 3,3 Prozent gewannen Anleger, die auf niederländische Titel setzten. Schlechter geht es nur Fußballfans wie Anlegern von der Insel: Beckham vergeigt zwei Elfmeter, und der Londoner Leitindex FTSE ist mit dem mickrigen Plus von einem Prozent klarer Gruppenletzter an Europas Börsen. Der Markt sei überhitzt, sagt Analyst Rosendahl. Investitionen in Kontinentaleuropa lohnten sich eher – zum Beispiel in Spanien, obwohl die Halbjahresbilanz auch in Madrid mager ausfällt. In den ersten sechs Monaten waren die Anleger nach den Terroranschlägen und dem Wahlsieg der Sozialisten verunsichert. Generell seien die Aussichten aber gut, sagt Gabriele Widmann von der Deka-Bank. Die Reformen am Arbeitsmarkt zeigten Wirkung, Inlandskonsum und Investitionen zögen an. Da könne auch die EU-Osterweiterung dem ehemaligen Niedriglohnland kaum noch schaden, meint Widmann. Analyst Rosendahl setzt lieber auf Frankreich. Zwar seien die sonst so konsumfreudigen Franzosen in letzter Zeit wegen der Diskussionen über die Renten- und Krankenversicherung verunsichert gewesen und hätten kräftig gespart. Doch im Gegensatz zu Deutschland zeigten sich erste Zeichen der Besserung. Die Franzosen dürften daher wieder zum „Savoir-vivre“ zurückkehren und ihr Geld in die Geschäfte tragen, schätzt Rosendahl. Und das sollte die Wirtschaft ankurbeln.

Fußballverrückte Anleger, die dennoch an den Einfluss der Fußballkunst auf das eigene Depot glauben, könnten immerhin einen historischen Vergleich als Steilvorlage nutzen: Eine Studie der Investmentbank HSBC kommt zu dem Ergebnis, dass die Aktien im Land der Fußball-Weltmeister im Jahr nach dem Titelgewinn durchschnittlich neun Prozent zulegten. Und auch im Land des jeweiligen Fußball-Europameisters gewannen die Börsen in fünf von sechs Fällen in der Folge überdurchschnittlich: So geschehen in Frankreich; der französische Index CAC legte nach dem Titelgewinn der Équipe Tricolore 1984 über 24 Prozent zu. So geschehen in den Niederlanden 1988, als Gullit, van Basten und Co. das Börsenbarometer AEX um immerhin 35 Prozent steigen ließen – wenn man denn einen Zusammenhang unterstellt.

Also auf niederländische Aktien setzen, auf portugiesische oder gar auf griechische? Keine Regel ohne Ausnahme: Nach dem Überraschungscoup der Dänen 1992 verlor die Börse in Kopenhagen acht Prozent. Aber die Dänen sind ja längst auf dem Heimweg – gescheitert an den Tschechen. An wem sonst?

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