Kohlendioxid-Ausstoß
Nur die Hälfte der deutschen Großkonzerne offenbart Emissionen

Nur gut die Hälfte der 200 nach Marktkapitalisierung größten deutschen Unternehmen informiert Investoren über Emissionen und Klimaschutzstrategien. Zu diesem Ergebnis kommt die weltgrößte Investoreninitiative „Carbon Disclosure Project“ (CDP) in einer durch den Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) und die Umweltorganisation WWF realisierten Umfrage.
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Die im CDP vereinten Banken, Versicherer und Pensionsfonds verwalten 41 Bill. Dollar. Sie befragen die weltweit 2400 größten Börsenkonzerne, um Klimarisiken und –chancen für ihre Anlagen aufdecken zu können. Das CDP verfügt inzwischen über die größte Datenbank von Informationen über Treibhausgasemissionen von Unternehmen; diese Informationen können zusammen mit dem Analysebericht kostenlos auf der Webseite www.cdproject.net heruntergeladen werden. Seit diesem Jahr ist die Datenbank auch benutzerfreundlicher: Unternehmensinformationen können nach Sektor, geographischer Lage, Emissionen und den CDP-Fragen sortiert werden.

Immerhin beantworteten 52 Prozent der deutschen Unternehmen den Fragebogen gegenüber 31 im Vorjahr, heißt es im heute vorgestellten Bericht. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos nannte dies im Vorwort „ermutigend.“ Erfolg könne sich aber nur einstellen, „wenn sich noch mehr Unternehmen an diesem Projekt aktiv beteiligen, die Antwortenqualität weiter verbessern und Informationen zu ihren CO2-Emissionen zur Verfügung stellen.“ International liegt die Rücklaufquote im unteren Mittelfeld, 27 Prozent der Unternehmen antworteten nicht, 17 Prozent lehnten eine Teilnahme ab, darunter emissionsträchtige Firmen wie Air Berlin, Halbleiterhersteller Aixtron, Continental, Maschinenbauer BayWa und Dürr, Pharmahersteller Merck, Industrieproduktanbieter Phoenix oder Stahlkonzern Salzgitter.

Investoren beurteilen das kritisch. „Wir sind nicht glücklich darüber, selbst wenn das CDP nicht unsere einzige Informationsbasis ist und eventuell operationelle Gründe vorliegen", sagte Felix Schnella, Vermögensverwalter bei Allianz Global Investors, dem Handelsblatt. „Unsere Daten passen nicht in die Abfragestruktur des CDP, aber wir publizieren unsere direkten CO2-Emissionen im Nachhaltigkeitsbericht“, sagte ein Sprecher von Merck auf Anfrage. Darin wird in zwei Wochen zu lesen sein, dass die Emissionen durch die Umstellung eines Kraftwerkes von Kohle auf Gas von 2002 bis 2006 um zehn Prozent gesunken sind, obwohl der Energieverbrauch um ein Drittel stieg.

„Grundsätzlich sind alle Branchen und Unternehmen betroffen“, sagt Deka-Fondsmanager Michael Schneider. Immer mehr Investmentgesellschaften berücksichtigen Klimawandelaspekte. „Wesentlicher Treiber ist der Einfluss dieser Aspekte auf die tatsächliche bzw. potenzielle Kostensituation der Unternehmen sowie die gestiegene Wertschätzung der Anleger für Unternehmen mit einer in dieser Hinsicht proaktiven Geschäftspolitik“, erläutert Vermögensverwalter Thomas Deser von der Union Investment. „Unternehmen, die Technik und Produkte rasch anpassen und energieeffizient produzieren, werden tendenziell im Vorteil sein“, sagte BVI-Präsident Wolfgang Mansfeld bei der Vorstellung des Berichts.

Bestehende Managementkonzepte und Risikomanagementsysteme müssten angepasst werden, um diesen möglicherweise bislang untergewichteten Faktoren Rechnung zu tragen, sagt Matthias Kopp vom WWF: „Der Klimawandel macht auch eine Neubewertung einiger Risiken nötig, die bereits vom Management erfasst, überwacht und gesteuert werden, wie regulatorische, Rechts-, Marktpreis-, operationelle, Kredit- sowie Reputationsrisiken.“ Standard & Poor’s gibt zu bedenken: „Da Beschränkungen bei Treibhausgas-Emissionen zu deutlich höheren Kapitalkosten und/oder niedrigerer Rentabilität führen können, ist mit Auswirkungen auf die Kreditqualität zu rechnen.“

Das CDP verschickte einen detaillierten Fragebogen. Die Antworten informieren Investoren, welche Risiken oder Chancen Unternehmen für sich im Klimawandel sehen, mit welchen Strategien sie reagieren und wie sie ihre Emissionen steuern. Immerhin 58 Prozent der antwortenden Unternehmen veröffentlichen diese Informationen auf der Webseite cdproject.net, so dass auch nicht am CDP beteiligte Anleger sie nutzen können. „Die zunehmende Bereitschaft zur Veröffentlichung dokumentiert eine steigende Professionalität der Unternehmen mit der Emissionsberichterstattung“, sagt Kopp. Rund 80 Prozent der Unternehmen sehen Risiken und Chancen, 67 Prozent sagen, diese strategisch zu berücksichtigen, aber nur 57 Prozent machen Angaben zu Emissionssenkung.

Der Fragebogen forderte unter anderem auf, über die Messung der Emissionen zu informieren, das Jahr, die Berechnungsmethode und ob es eine externe Prüfung der Daten gab. „Auffällig ist, dass bisher kein Standard existiert und die Berichte somit nur schwer vergleichbar sind“, kritisiert Professor Alexander Bassen von der Universität Hamburg, der den CDP-Bericht schrieb.

Die Hälfte der antwortenden Unternehmen quantifizierten ihre direkten CO2-Emissionen. Sie summieren sich auf 675 Millionen Tonnen, was bei 20 Euro/Tonne 13,5 Mrd. Euro an Kosten entspricht. Der Zukauf von Energie verursacht 1,4 Mrd. t CO2, die zu Kosten von 28,1 Milliarden Euro führen würden, würden sie den Firmen angerechnet. Detaillierte Antworten zu anderen indirekten Emissionen wie durch den Ge- und Verbrauch der Produkte und Dienste oder die Zulieferkette gaben nur sehr wenige Unternehmen. „Informationen über CO2-Emissionen bei der Nutzung sind aber für viele Branchen sehr wesentlich, wie die Diskussion über den CO2-Ausstoß bei der Nutzung von Automobilen verdeutlicht“, betont Bassen.

Er lobt BMW und Volkswagen, da beide sehr umfangreich über Emissionen berichten und dies veröffentlicht werden darf. BMW stellt die Fahrzeuge etwas umweltfreundlicher als VW her. Bei Autos entstehen Emissionen aber vor allem durch ihre Nutzung. Basierend auf den Angaben zum Flottenverbrauch übertreffen diese die Emissionen der Herstellung um das 25- bis 35-fache und stellen „einen Wert von zusammen 3,5 Milliarden Euro dar“, rechnet Bassen vor. „Die beiden Automobilhersteller sind somit zusammen für mehr Emissionen verantwortlich als etwa der größte deutsche Energieversorger.“

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