Nach dem Ende der Aktienhausse entdecken private Investoren die Anlageklasse
Rohstoffe streuen das Risiko im Depot

Investments in Rohstoffe rücken immer mehr in den Fokus von Investoren - lange Zeit hatte die Anlageklasse wegen falscher Vorurteile und der Aktienhausse der 90er Jahre wenig Beachtung gefunden.

Eine Diversifikation in andere Anlageklassen wurde schlichtweg als nicht notwendig erachtet. Doch mittlerweile sind Rohstoffe "salonfähig" geworden. Für Anleger geht der Trend eindeutig hin zu Diversifikation. Hinter passiven Rohstoffinvestments steht ein einfacher Gedanke. So wie Investoren Unternehmen über die Aktienmärkte Risikokapital zur Verfügung stellen und dafür eine Risikoprämie erhalten, bekommen sie aus Rohstoffen für die Bereitstellung von Risikokapital - die Übernahme von Preisrisiken über die Futuresmärkte - eine Prämie. Diese ist jener der Aktienmärkte vergleichbar: langfristige Erträge der Aktien- und Rohstoffmärkte sind sehr ähnlich. Schon der große Volkswirt John Maynard Keynes hatte 1930 ähnlich argumentiert.

Zusätzlich zu hohen Erträgen bieten Rohstoffe Investoren weitere interessante Vorteile. Die Erträge tendieren dazu, immer dann am höchsten zu sein, wenn Finanzanlagen am schlechtesten abschneiden. Die Rohstoffe korrelieren negativ zu Aktien und Anleihen. Zudem sind Rohstoffe eine eigene Anlageklasse. Ihre Erträge erwachsen nicht aus dem Geschick eines Fondsmanagers, sondern werden "long-only" und damit durch passive Investments erzielt.

Direkte Investments oft besser

Experten meinen oft, man könne in Rohstoffe nur indirekt über Aktien investieren, weil Futures für Privatanleger zu riskant seien. Investitionen in Rohstoffaktien tendieren aber dazu, bei hoher Rohstoffpreisvolatilität, die durch Knappheit hervorgerufen wird, schlechtere Erträge als direkte Rohstoffinvestments abzuwerfen. Außerdem kauft man im Aktienmarkt das Managementrisiko sowie abgezinste zukünftige Ertragserwartungen - diese Faktoren haben aber mit direkter Partizipation an steigenden und volatilen Rohstoffpreisen wenig zu tun.

Unter direkten Rohstoffinvestments sind keineswegs Anlagen in physischer Form zu verstehen; dies macht angesichts von Lagerschwierigkeiten, hohen Kosten und der Tatsache, dass Rohstoffpreise langfristig zu Mittelwerten tendieren, wenig Sinn. Großanleger setzen deshalb verstärkt auf Rohstoffindizes. Solche Indizes wie der Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) - eine Benchmark für Rohstoffinvestments - spiegeln Erträge von einem passiv erworbenen Korb an Rohstoff-Terminkontrakten wider.

Vieles spricht für Langfrist-Trend

Wie lange kann die Rohstoffhausse noch andauern?Viele Gründe sprechen für die Annahme, dass die Rohstoffmärkte noch auf weitere fünf bis zehn Jahre über dem historischen Durchschnitt - plus 12,5 Prozent während der vergangenen 35 Jahre - liegende Erträge abwerfen könnten. In vielen Rohstoffmärkten wurde seit Jahrzehnten kein oder wenig Geld in Infrastruktur investiert. Dies bekommt die Weltwirtschaft in Form von hohen Preisen zu spüren. Spotpreise sind nachlaufende Indikatoren für Investitionen, die vor zehn Jahren hätten getätigt werden sollten. Hier besteht über mehrere Jahre eine taktische Chance für Rohstoffinvestoren. Und zwar so lange, bis das Angebot durch neue Infrastruktur wie Förderanlagen, Raffinerien, Minen, Schiffe und Pipelines deutlich gestiegen ist. Die erwarteten Nachfragezuwächse aus Ländern wie China und Indien verstärken dieses Argument.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel Geld in das obere Ende der ökonomischen Wertschöpfungskette - Technologie, Telekom, Biotechnologie, Internet - und viel zu wenig in das untere Ende - Rohstoffe, Basisstoffe - investiert. Darin liegt die wichtigste Ursache für die Rohstoffhausse. Dieser Faktor, der das Angebot einschränkt, ist wichtiger als der Einfluss der hohen Nachfrage Chinas oder aber der Einfluss der Spekulanten. In die "alte Wirtschaft" wurde lange Zeit nicht investiert, weil die Erträge dort unterdurchschnittlich waren.

Investition über Derivate möglich

Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird der Aufbau der Infrastruktur nicht mehr von staatlicher Seite gestützt. Die Produzenten müssen selbst investieren und werden zugleich stark besteuert. Bei WTI-Rohöl sehen wir einen Preis von 35 US-Dollar je Barrel als Preisuntergrenze für die kommenden Jahre - mit dem Risiko weiterer Preisspitzen. Die Explorationsprojekte der nächsten Generation befinden sich in Afrika, dem Kaspischen Meer und Sibirien. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Kostenüberschreitungen, Verzögerungen und politischen Risiken. Das sind keine guten Aussichten für Weltwirtschaftswachstum und Inflation, aber gute Chancen für Investoren, direkt in Rohstoffe einzusteigen. Die Diversifikation mit Rohstoffen ist heute ein wichtiges Thema.

Der Markt bietet sowohl institutionellen Investoren als auch Privatanlegern eine Vielzahl an Möglichkeiten, eine Rohstoffinvestition über Derivate wie Indexswaps und Optionen oder über Wertpapiere zu implementieren. Wertpapiere können Kapitalschutz bieten, gehebelt sein oder einfach einen Rohstoffindex eins zu eins abbilden. Auch Anlageformen wie Bonus-Zertifikate oder Airbag-Konstruktionen kommen in Frage. Die Produktpalette ist breit, viele Banken bieten Produkte sowohl auf Indizes als auch auf einzelne Futureskontrakte oder Baskets an: Rohstoffe sind nicht mehr der Vorbehalt der großen Pensionsfonds, sondern nun auch Privatanlegern sehr einfach zugänglich.

Stefan Weiser ist Executive Director Commodity Sales bei Goldman Sachs International in London.

Quelle: Handelsblatt Nr. 236 vom 03.12.04 Seite b06

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