Nach den Kursgewinnen der vergangenen Monate sehen Analysten nur ein begrenztes Aufwärtspotenzial
Versorgeraktien verlieren an Charme

Die Aktien der europäischen Versorger haben in diesem Jahr kräftig an Wert gewonnen. Und gerade deshalb werden die Analysten skeptisch. Nun sei die Zeit für Gewinnmitnahmen gekommen, meint etwa die Credit Suisse First Boston.

DÜSSELDORF. Die Perspektiven für Anleger sind daher nicht so günstig, wie es die guten Geschäftszahlen vermuten lassen. Hinzu kommt die anstehende Liberalisierung des Gasmarktes in der Europäischen Union (EU), die für Unsicherheit sorgt.

Der Sektor habe sich in den vergangenen zwölf Monaten mit am besten entwickelt, deshalb sei das Aufwärtspotenzial nun begrenzt, schreiben die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs in einem Kurzkommentar. Sie stehen mit der Einschätzung nicht alleine da: „Die Versorger sind eindeutig teuer geworden“, heißt es bei CSFB.

In der Tat war der Höhenflug zuletzt beeindruckend: Die Spezialindizes MSCI-World-Energy und S&P-Europe-350-Energy legten seit Anfang des Jahres über 20 beziehungsweise 14 Prozent zu, der branchenübergreifende Euro-Stoxx-50 dagegen nur um rund fünf Prozent. Der deutsche Branchenprimus Eon verbuchte seit Jahresanfang ein Plus von knapp 24 Prozent, Konkurrent RWE legte sogar um fast 30 Prozent zu. Auch die europäischen Strom- und Gaskonzerne wie Endesa, Enel oder Iberdrola tendieren durch die Bank deutlich im Plus.

Sollte die Dynamik jetzt nachlassen, kann das nicht an den Geschäftszahlen liegen. Quartal für Quartal liefern die Versorger solide Ergebnisse ab. In der vergangenen Woche waren die deutschen Branchenriesen an der Reihe. Eon verbuchte im operativen Geschäft ein Plus von 19 Prozent und zählt mit zahlreichen Kaufempfehlungen zu den Titeln, denen die Analysten gegen den Branchentrend auch weiterhin überproportionale Zuwächse prophezeien. Die RWE AG steigerte das Betriebsergebnis um 13 Prozent, dämpfte aber ihre Prognose und erntete eher verhaltene Reaktionen. „Bei RWE haben die Gewinnmitnahmen schon eingesetzt“, sagt Analyst Theo Kitz von Merck Finck.

Auch was die Strategie angeht, haben die Analysten an Eon, RWE und Co. wenig auszusetzen. Europaweit konzentrieren sich die Energiekonzerne zunehmend auf ihr Kerngeschäft. Beispielhaft haben sie sich in den vergangenen Jahren von Mischkonzernen zu reinrassigen Versorgern gewandelt. Für Milliardensummen verkauften sie Randbeteiligungen und investierten kräftig ins Geschäft mit Strom, Gas und zum Teil auch Wasser. „Die Fokussierung verbessert die Transparenz und macht den Investoren die Anlageentscheidung einfacher“, sagt Analyst Matthias Heck von Sal. Oppenheim. Früher seien die Versorger immer mit einem Konglomeratsabschlag gehandelt worden.

Kosten und Rendite müssen stimmen

Jetzt, da das Portfolio weitgehend bereinigt ist, investieren die deutschen Branchenriesen Eon und RWE nur noch mit Augenmaß. Gezielte und mittelgroße Akquisitionen sollen das Portfolio abrunden. Größten Wert legen die beiden Schwergewichte auf Kosten und Rendite. Sowohl Eon-Chef Wulf Bernotat als auch RWE-Chef Harry Roels haben ihren Konzernen scharfe Rendite-Vorgaben gemacht. Und was die Aktionäre besonders freut: Sie wollen den Anteilseignern steigende Dividenden ausschütten. Eon will bis 2006 die Ausschüttung im Schnitt um jährlich mindestens zehn Prozent erhöhen, RWE im selben Zeitraum sogar um durchschnittlich 15 Prozent.

Soweit der Statuts quo. Noch werden die Versorger ihrem Ruf als defensive Werte gerecht, die unabhängig von Konjunkturschwankungen mit soliden Erträgen als sicherer Hafen gelten. Noch, denn im Sektor gibt es einen entscheidenden Unsicherheitsfaktor: Die EU-Kommission treibt die Liberalisierung des Energiemarkts voran. Bis 2007 müssen die Mitgliedstaaten ihre Märkte so weit öffnen, dass Gewerbetreibende und Privatkunden ihren Anbieter frei wählen können.

In Deutschland beispielsweise soll ab 2005 Jahr eine Regulierungsbehörde für mehr Wettbewerb sorgen. Dass sich die schärfere Kontrolle auf das Geschäft der Platzhirsche auswirken wird, ist unbestritten, schließlich verdanken sie ihre Gewinne eben einer monopolartigen Marktstellung. 2006, wenn die Regulierung greife, könnte dies den Ertrag der Branchenriesen Eon und RWE um jeweils mehr als 100 Mill. Euro drücken, schätzt Sal. Oppenheim. RWE-Finanzvorstand Klaus Sturany räumte vergangene Woche erstmals ein, dass sich vor allem im deutschen Netzgeschäft „die Ertragslage deutlich verschlechtern“ werde – für J.P. Morgan ein Grund, die Aktie von „neutral“ auf „untergewichten“ herabzustufen. Solche Spekulationen seien müßig, konterte zwei Tage später Eon-Chef Bernotat. Solange die Rahmenbedingungen nicht klar definiert seien, werde der Markt so nur verwirrt. „Die Ungewissheit über den Regulierer ist derzeit das Hauptrisiko bei den Versorgeraktien“, sagt Analyst Heck. „Und auch 2005 wird das Thema für den Aktienkurs entscheidend sein.“

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