Trotz deutlicher Kursgewinne und Sorgen vor einem Rückschlag nimmt die Zahl der Kaufempfehlungen weiterhin zu
Analysten hecheln der Börse hinterher

Der Kursanstieg an den Aktienmärkten seit März ist so beeindruckend, dass immer mehr Marktstrategen und Aktienanalysten ins Grübeln geraten und vor Rückschlägen oder gar Einbrüchen warnen. Doch die Analysten lassen die Anleger im Zwiespalt: Während sie vor Rückschlägen warnen – und somit zum Verkaufen raten müssten – bleibt der Grundton ihrer Aktienanalysen positiv.

DÜSSELDORF. Nach umfangreichem Datenmaterial der Nachrichtenagentur Bloomberg endet nahezu die Hälfte aller Analysen mit einer Kaufempfehlung. Und während der Markt sich beruhigt hat, nimmt die Zahl der positiven Analystenstimmen sogar noch zu.

Dabei hatten die Analysten Besserung gelobt, nachdem sie in den vergangenen Jahren scharf kritisiert worden waren. Beschönigende Urteile wurden den Analysten vorgeworfen, ihre Unabhängigkeit von den Interessen der Investmentabteilungen im eigenen Hause in Frage gestellt. Die Investmentbanken führten danach für das Research neue Regelungen ein, die etwa Mindestquoten für Verkaufsempfehlungen vorsahen. Außerdem stellten viele Institute von absoluten auf relative Bewertungen um. Beurteilt wird jetzt nur noch, ob sich eine Aktie im Verhältnis zur Markttendenz über- oder unterdurchschnittlich entwickeln dürfte. Anders als in Boomzeiten gibt es mittlerweile immerhin eine nennenswerte Zahl von Verkaufsempfehlungen.

Aber die Skepsis bleibt: „Unser Eindruck ist, dass die Analysten zwar insgesamt kritischer geworden sind; es besteht aber weiterhin eine klare Tendenz zum Optimismus“, sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Daten bestätigt dies: Von rund 1 350 Aktienbewertungen, die im vergangenen Jahr für Dax-Titel abgegeben wurden, lauteten der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge 583 auf „kaufen“ – das entspricht einer Quote von 43 %. Und auch wenn man den kompletten H-Dax (Dax, Tec-Dax und M-Dax) betrachtet, lag die Quote der Kaufempfehlungen über das gesamte Jahr hinweg konstant oberhalb von 40 %.

Besonders auffällig ist, dass die Zuversicht der Analysten mit steigenden Aktienkursen zunimmt. Im vergangenen Monat erreichte die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufsempfehlungen den höchsten Stand seit mehr als zwölf Monaten: 45 % der Analysen zu Dax-Titeln legten den Anlegern einen Kauf nahe, dagegen wurde nur in jedem fünften Fall zum Verkauf geraten. Auch die Zahl der positiven Einschätzungen für Werte aus dem Technologie-Index Tec-Dax stieg trotz zuletzt deutlicher Kursgewinne der Tech-Titel auf einen Rekordstand von 38 %. Für Reinhild Keitel, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) zeigt dies, dass „Analysten nicht klüger sind als andere Anleger und auch nur auf den fahrenden Zug aufspringen“.

Hinter vorgehaltener Hand kritisieren selbst Analysten ihre Kollegen: „Die Börse läuft, und wir laufen mit positiven Einschätzungen hinterher“, bemängelt ein Analyst. Für DSW-Sprecher Kurz ist das ein klares Manko: „Eigentlich sollten die Analysten dem Markt vorauslaufen, in der Realität folgen aber viele einfach dem Trend – aus Angst, sie könnten am Ende alleine auf der falschen Seite des Marktes stehen.“

Dass die Analysten bei der Einschätzung des Gesamtmarktes oft mehr Mut zeigen als bei Einzelaktion führt Kurz auf nach wie vor bestehende Interessenkonflikte zurück: „Es gehört nicht viel Mut dazu, sich skeptisch über die Chancen am Aktienmarkt zu äußern. Wenn es jedoch auf die Ebene von Einzelbewertungen geht, ist der Analyst sofort dem Druck der Unternehmen ausgesetzt.“

Und auch die Investoren stehen einer objektiven Bewertung von Aktien bisweilen im Wege: „Ein hohes Maß an Volatilität wird von institutionellen Investoren nicht geschätzt. Ich kann als Analyst also nicht einfach zwei oder drei Mal im Jahr meine Empfehlung ändern“, sagt Andreas Heine, Ko–Chef der Aktienanalyse der Hypo-Vereinsbank (HVB). Dabei sieht Heine durchaus Handlungsbedarf: „Innerhalb des letzten Vierteljahres hat sich bei den Unternehmen nicht viel getan, während die Kurse gestiegen sind.“ Er plädiert für eine strikte Einhaltung selbst gesteckter Regeln: „Sollten durch die Aufwärtsentwicklung an der Börse Kursziele erreicht worden seien, ohne dass sich die fundamentale Einschätzung geändert hat, sollten auch die Empfehlungen überdacht werden.“

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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