Trump, Frankreich-Wahl und die Notenbanken
Nie waren die Börsen so politisch wie heute

Türkei-Referendum, Wahlen in Frankreich, das sich verschlechternde Verhältnis zwischen den USA und Russland sowie die Politik der Notenbanken – spannende Zeiten, auch für Aktionäre. Die Börsen sind so politisch wie nie.
  • 0

DüsseldorfDie Börse im Sog der Politik. Krisenherde und Wahlen sowie Abstimmungen, deren Ausgang in eine Krise führen könnten, gibt es derzeit reichlich. An diesem Wochenende stimmt die Türkei über ein Verfassungsreferendum ab. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kann sich jüngsten Umfragen zufolge bis zuletzt nicht sicher sein, dass die Türken dem von ihm angestrebten Präsidialsystem zustimmen. Bisher hat das Referendum die Börsen kalt gelassen, ob das so bleibt, wird sich zeigen, wenn das Ergebnis feststeht.

Auch der US-Angriff auf einen syrischen Fliegerhorst in der vergangenen Woche bewegte die Märkte kaum. Allerdings verlief die Karwoche wegen der politischen Unsicherheiten von Syrien bis Nordkorea eher verhalten. Der US-Angriff auf Syrien kam überraschend, auch für die internationalen Finanzmärkte. Ein Einschreiten der USA in den Krieg und eine Konfrontation mit Russland könnte die Börsen wieder sehr politisch machen.

Das muss aber nicht unbedingt ein Problem sein, denn eine alte Börsenweisheit besagt: Politische Börsen haben kurze Beine. Übersetzt heißt das, dass politische Ereignisse die Kurse nur sehr kurz beeinflussen. Die Experten von Sal. Oppenheim sind Anhänger dieser Aussage, und das obwohl sie Börsenweisheiten ansonsten eher kritisch gegenüber stehen. „Politische Börsen haben in der Tat kurze Beine, derzeit besonders viele davon“, sagt Jördis Hengelbrock, Portfoliomanagerin bei der Kölner Privatbank. „Aber erst wenn politische Entscheidungen die Einflussgrößen für die Börsen nachhaltig verändern, passt die Weisheit nicht mehr zur Realität, die ‚Beine‘ werden länger.“

Spannend sind in naher Zukunft vor allem die Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Im Falle eines Wahlsiegs der Rechtsradikalen Marine Le Pen dürfte es zu heftigen Reaktionen an den Märkten kommen. Experten erwarten für diesen Fall deutlich negative Kursausschläge. Zwar sieht es derzeit nicht nach einem Sieg für sie auch, aber ausgeschlossen ist er auch nicht. Deshalb warnt Hengelbrock davor, dass die Aktienmärkte das Risiko eines Siegs Le Pens derzeit kaum einpreisen. Sollte die umstrittene Politikerin doch gewinnen, würde eine Debatte über den Ausstieg Frankreichs aus der Euro-Zone definitiv zu sehr politischen Börsen führen. „Wenn es Le Pen dann allerdings nicht gelingt, eine Mehrheit für den Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro zu bewegen, dürften auch die europäische Kapitalmarktentwicklung nach wenigen Wochen bis Monaten wieder von anderen Themen dominiert werden“, sagt die Sal.-Oppenheim-Expertin.

Anders sähe die Lage im Falle eines „Frexit“ aus. Eine solche Zäsur würde die EU in ihre größte Krise stürzen und könnte zu einer Auflösung der Gemeinschaftswährung führen. „Damit hätte eine politische Entscheidung längerfristige Auswirkungen auf die europäische Geldpolitik, Zinsen, Wechselkurse, Konjunktur und die Gewinnaussichten der Unternehmen – und damit auf wesentliche Determinanten der Finanzmarktentwicklung“, so Hengelbrock. In diesem Falle hätte die politische Börse sehr, sehr lange Beine. Doch darauf spekulieren Investoren derzeit nicht.

Die Geldpolitik ist aber natürlich auch ohne den „Frexit“ ein extrem wichtiges Thema für die Märkte. Die Politik der Notenbanken rund um den Globus treibt Börsianer um und bewegt die Kurse. Die Leitzinsen in der Euro-Zone sind nach wie vor auf einem Rekordtief. Während die Fed bereits drei Mini-Zinserhöhungen hinter sich hat, hält die EZB am Nullzins fest. Doch wie lange noch? Immer wieder gibt es Spekulationen, nicht zuletzt weil die Inflationsrate zum Jahresbeginn angezogen hat. EZB-Direktor Benoit Coeure hat zuletzt die Regierungen aufgefordert, sich auf ein Ende der Nullzins-Phase einzustellen. „Es ist offensichtlich, dass der Finanzsektor und andere Wirtschaftsakteure, vor allem Regierungen, sich vorbereiten müssen", sagte er. „Ich hoffe, dass die Regierungen in der Euro-Zone wissen, dass die Zinsen nicht auf dem aktuellen Niveau bleiben werden.“ Doch noch ist es nicht so weit.

Seite 1:

Nie waren die Börsen so politisch wie heute

Seite 2:

Die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierung könnte markant steigen

Kommentare zu " Trump, Frankreich-Wahl und die Notenbanken: Nie waren die Börsen so politisch wie heute"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%