Vier Fragen an: Steven Leuthold
„Das langfristige Problem ist hohe Inflation“

Steven Leuthold ist bekannt für seine treffenden Marktanalysen. Im Interview mit dem Handelsblatt verrät der US-Börsenexperte, was das Problem an Konjunkturprogrammen ist und Aktien kräftig zulegen könnten.

Handelsblatt: Ist das Schlimmste überwunden?

Steven Leuthold: Die Regierungen in USA und Europa machen Stimmung mit ihren Geldzuwendungen in den Stimulierungsprogrammen. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Das gleiche sagen mir frustrierte Finanzanalysten. Manche Beobachter sehen sogar die westliche Zivilisation gefährdet. Aber ich erinnere mich, dass 1974 die Lage viel schlimmer war als heute. Zu dieser Zeit lagen die US-Zinsen und die Inflation bei über 12 Prozent. Finanzmagazine riefen den "Tod der Aktie" aus. Aber über die nächsten zehn Jahre warf der S&P 500 einen Anlageertrag von 325 Prozent ab.

Glauben Sie an einen Erfolg der Stimulierungsprogramme?

Das Problem der Kreditexzesse kann man nicht mit noch mehr Krediten lösen - höchstens kurzfristig. Deshalb dürfte das laufende Jahr deflationär sein. In der zweiten Jahreshälfte werden die Inflationsgefahren wachsen. Das langfristige Problem ist hohe Inflation. Wenn die Liquidität nicht wieder aus den Märkten gezogen wird, besteht die große Gefahr von Währungsabwertungen in den USA und Europa.

Warum sind Sie so optimistisch für Aktien, wenn die Unternehmensgewinne kollabieren?

Kurzfristig bin ich tatsächlich sehr optimistisch für US-Aktien. Der Markt ist aus technischer Sicht absolut überverkauft. Mit einigen guten Nachrichten kann der S&P 500 in den kommenden zwei Jahren auf 1 200 Punkte steigen - das wäre ein Plus von 60 Prozent. Aus diesem Grund würde ich auch jetzt keine Baisse-Spekulationen mehr riskieren. Ein Teil unseres Aktiengeldes liegt in Asien. Was die Firmengewinne angeht: Im Jahr 1982 waren die Aktien des Dow-Jones-Index mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 120 auf den ersten Blick völlig überteuert. Aber genau in diesem Jahr startete die große Hausse. Wir verwenden deshalb geglättete Unternehmensgewinne für fünf Jahre. Das macht einen Unterschied. Was die Anlagethemen angeht, halte ich Cleantech und Solartechnologie für sehr attraktiv.

Sind Staatsanleihen jetzt ein Verkauf?

Im letzten Jahr haben die Anleger mit dem Kauf von Treasuries richtig gelegen. Jetzt sind Staatsanleihen das Investment mit dem höchsten Risiko. Wenn die Anleger das Vertrauen verlieren und auch noch das Angebot an Staatstiteln steigt, dann werden die Renditen steigen. Mein Ziel für die zehnjährige US-Staatstitel sind 4,5 Prozent, vielleicht sogar fünf Prozent. Die kurzfristigen Papiere können in den kommenden zwei Jahren von jetzt 0,2 auf bis zu drei Prozent anziehen. Für Europa ist ein ähnliches Szenario denkbar. Wir haben jetzt mit dem Kauf von hoch verzinsten Unternehmensanleihen begonnen. Unsere Durchschnittsrendite hier ist 14 bis 15 Prozent. Das ist in 35 Jahren die dritte Chance mit Unternehmensanleihen Geld zu verdienen.

Steven Leuthold (71) kennt die Börse seit 47 Jahren. Er ist Gründer und Chefstratege der über fünf Mrd. Dollar verwaltenden Anlagefirma The Leuthold Group. Leuthold ist bekannt für seine Marktanalysen.

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