Strukturierte Fonds
Zertifikate im neuen Gewand

Der intensive Wettbewerb auf dem deutschen Zertifikatemarkt zwingt die Banken, neue Wege zu beschreiten. Statt auf reine Derivatelösungen setzen einige Kreditinstitute neuerdings auf sogenannte strukturierte Fonds. Anlegern bieten diese einige Vorteile.

FRANKFURT. Weil die Möglichkeiten für neue Spielarten zunehmend rar werden und auch das Spektrum an Basiswerten weitgehend abgedeckt ist, rücken bei den Emittenten jetzt alternative Verpackungsformen in den Vordergrund. Statt auf reine Derivatelösungen setzen einige Banken neuerdings auf sogenannte strukturierte Fonds. Anlegern bieten diese neben einem besseren Einlagenschutz vor allem steuerliche Vorteile gegenüber Zertifikaten. Auf der anderen Seite fallen die Kosten der Fondskonstrukte vergleichsweise üppig aus.

Von der grundsätzlichen Gestaltung her sind die Unterschiede zwischen Zertifikaten und strukturierten Fonds gering. Beide verzichten auf aktives Management und greifen stattdessen auf quantitative Modelle zurück. Durch den Einsatz von Optionen können dabei spezielle Auszahlungsprofile mit Sicherheitspuffer oder Kapitalgarantie kreiert werden. „Theoretisch können wir jede Struktur, die wir als Zertifikat auflegen, auch als Fonds anbieten, wenn wir sie mit den europäischen Richtlinien in Einklang bringen können“, sagt Ingo Heinen, Derivate-Experte bei Nomura in London. Die Bank verkauft strukturierte Fonds bereits in Skandinavien, Großbritannien und Italien und bereitet derzeit wie andere Emittenten auch die ersten derartigen Produkte für den deutschen Markt vor.

Einen Schritt weiter ist bereits Merrill Lynch. Die US-Investmentbank bietet aktuell in Deutschland zwei strukturierte Fonds zur Zeichnung an, die sich auf die drei Indizes EuroStoxx50, S&P 500 und Nikkei225 beziehen. Beim „ML Global Bonus“ erhalten Anleger am Ende der fünfjährigen Laufzeit mindestens 40 Prozent Gewinn ausgezahlt, wenn in dieser Zeit keiner der Indizes um 50 Prozent gefallen ist. Der „ML Global Garant“ zahlt nach sechs Jahren Laufzeit auf jeden Fall das eingesetzte Kapital plus einen Mindestzins von neun Prozent aus. Steigen die Indizes bis 2013 um mehr als neun Prozent, steigt auch die Rendite der Anleger.

Im Zertifikatebereich gehören solche Bonus- und Garantiestrukturen seit Jahren zu den Verkaufsschlagern. Für Jürgen Bulling von Merrill Lynch war deshalb klar, dass die ersten strukturierten Fonds den Anlegern „etwas Bekanntes“ bieten sollten. In den kommenden Monaten werde die Bank aber auch neue Produkte anbieten, die „komplexere Strategien“, abdecken. Für Januar sei beispielsweise ein garantierter Rohstofffonds geplant. Auch endlos laufende strukturierte Fonds ohne Kapitalschutz würden aktuell entwickelt.

Das Potenzial der neuartigen Fonds schätzen Marktexperten allerdings sehr unterschiedlich ein. Während Merrill-Lynch-Mann Bulling den Bereich mittelfristig als „Riesenmarkt“ sieht, sprechen andere Banker von einem temporären Phänomen. Denn das plötzliche Interesse der Emittenten an strukturierten Fonds liegt neben dem intensiven Wettbewerb vor allem an der deutschen Steuergesetzgebung. Während Zertifikate bei der Abgeltungsteuer einen beschränkten Bestandschutz haben – statt zum 1. Januar 2009 greift die Pauschalsteuer hier bereits bei allen Papieren, die nach dem 14. März 2007 gekauft wurden und über den 30. Juni 2009 hinaus im Depot liegen –, bieten Fonds zunächst einen steuerlichen Vorteil. Mit der tatsächlichen Gleichstellung aller Kapitalerträge im Jahr 2009 fällt dieser jedoch weg.

Als Verkaufsargument für die Fondslösung bleibt dann lediglich der bessere Einlagenschutz. Während Zertifikate als Inhaberschuldverschreibungen im Falle einer Insolvenz des Emittenten nicht bedient werden müssen, garantieren Investmentfonds als Sondervermögen die Rückzahlung der Einlagen. Auf der anderen Seite sind die Fondsmäntel für Anleger teurer als Zertifikatelösungen, da hier der Verwaltungs- und Regulierungsaufwand wesentlich höher ist. Bei den Merrill-Papieren etwa fällt – zusätzlich zum Ausgabeaufschlag von vier Prozent – jedes Jahr ein Prozent Gebühr für Verwaltung und sonstige Kosten an.

Aufgrund des höheren Aufwands erwarten Fachleute bei den strukturierten Fonds auch keine Massenproduktion wie im Zertifikatesektor. „Man braucht schon ein Volumen von mindestens 20 Mill. Euro, damit sich die Produkte lohnen“, sagt Claus Hecher, Derivate-Spezialist der französischen Investmentbank Natixis, die über ihre Tochter Aivelys künftig strukturierte Fonds auflegen will. Er sieht die Produkte daher vor allem als Ergänzung zu Zertifikaten, nicht als Ersatz.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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