Zertifikate
Die neue Bescheidenheit der Banken

Die Finanzkrise hat Zertifikate entzaubert. Nicht nur, dass Anleger hohe Verluste mit den Papieren erlitten und Tausende Investoren bei Lehman Schiffbruch erlitten. Viele merkten erst im Abschwung, dass sie die Produkte gekauft hatten, ohne sie zu verstehen. Um die enttäuschte Kundschaft zurückzugewinnen, versprechen die Emittenten jetzt Abhilfe.
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DÜSSELDORF. Anleihen sind die Anlagen der Stunde. Zumindest auf dem Papier. Erstaunlich oft taucht die Anleihe neuerdings im Sortiment von Banken auf, die bis vor wenigen Monaten meist nur Zertifikate anboten. Doch die Lektüre der Prospekte und Produktbroschüren offenbart einen simplen Trick der Emittenten: Ganz ähnliche Konstruktionen gab es ehedem schon im Kleid des Zertifikats. Anders ist nur das Etikett.

Aber seit Herbst 2008 lassen sich Zertifikate kaum noch verkaufen. Von der Insolvenz von Lehman Brothers haben sich die Emittenten bis heute nicht erholt. Die US-Investmentbank war einer von über 30 Zertifikate-Anbietern in Deutschland. Und auch wenn der Marktanteil der Lehman-Papiere nicht mal ein Prozent betrug, haben Schätzungen zufolge etwa 50 000 Lehman-Zertifikate-Käufer bis zu 90 Prozent ihres Kapitals verloren. Obwohl kaum einer verstand, wie die Banken die immer neuen Papiere konstruierten, eines war nach dem Fall von Lehman plötzlich jedem klar: Ein Zertifikat, ob nun als simple Indexkopie oder als spekulative Turbovariante, ist nichts anderes als eine Inhaberschuldverschreibung. Geht der Schuldner, die emittierende Bank, pleite, verliert der Gläubiger sein Geld.

Ein Hinweis, den die Geschädigten so nicht erhalten haben wollen, weshalb an deutschen Gerichten bereits rund 100 Klagen anhängig sind. Und Anlegeranwälte schätzen, dass eine vierstellige Zahl von Anlegern vor Gericht ziehen wird. Die Richter müssen unter anderem klären, ob Banken, die Lehman-Zertifikate verkauften, die Anleger ausreichend über das Ausfallrisiko aufgeklärt haben. Auch die saftigen Gewinnmargen der Institute rücken in den Fokus. Einmal mehr droht damit schlechte Presse für die Emittenten.

Dabei produzierte die gesamte Branche über Jahre eigentlich nur Jubelmeldungen. Mit Auszahlungsprofilen, die die Emittenten mit fixen Mindestausschüttungen, Kursrabatten oder Sicherheitspuffern auf das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Anleger zugeschnitten hatten, eroberten die Wertpapiere nach der Aktienbaisse der Jahrtausendwende die Depots der Deutschen - zusätzlich befeuert vom Ideenreichtum der Emittenten, die mit ihren Produkten Privatanlegern so ziemlich jede Anlageklasse öffneten, die bis dato Profis vorbehalten waren. Ende 2007 hatten deutsche Anleger fast 140 Milliarden Euro in Zertifikaten investiert. Nach den Investmentfonds waren sie zur zweitwichtigsten Wertpapierklasse aufgestiegen.

Mittlerweile ist das Marktvolumen auf weniger als 80 Milliarden Euro geschrumpft. Die Finanzmarktkrise hat auch bei Zertifikaten Vermögen vernichtet und den Anlegern einmal mehr offenbart, dass sie an der Börse auch mit diesen Papieren keine sicheren Wetten eingehen können. Bei keiner anderen Produktkategorie wird das so deutlich wie bei Bonuszertifikaten. Lange zählten die Papiere, die Anlegern einen festen Mindestgewinn versprechen, solange der Kurs ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet, zu den absoluten Kassenschlagern.

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