Angeschlagenes Institut
Ladenhüter Commerzbank

Der erneute Kursrutsch der Commerzbank befeuert wieder die Übernahmespekulationen. Mögliche Käuferkandidaten wurden in der Vergangenheit genug gehandelt. Experten winken jedoch ab: „Zu unrealistisch“.
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Düsseldorf Bei seinem Amtsantritt vor knapp sechs Jahren hätte es sich Commerzbank-Chef Martin Blessing wohl nicht träumen lassen, dass er einmal in der Situation ist, dass sich Zerschlagungsgerüchte um sein Institut ranken. Doch genau diese Spekulationen reißen nicht ab – und werden durch den neuerlichen Absturz der Aktie noch befeuert. Papiere des Unternehmens sind derzeit billig zu haben: für 5,95 Euro ist man dabei.

In den vergangenen vier Wochen hat die Commerzbank ein Viertel ihres Wertes verloren. Seit Jahresbeginn haben die Papiere um fast 45 Prozent nachgegeben. Wenn die Aktie noch weiter abrutscht, könnte sogar der Ausschluss aus dem Dax drohen. Das Geldhaus, das einst mit dem Anspruch antrat, die Deutsche Bank anzugreifen, hat sich innerhalb von vier Jahren fast halbiert. Von knapp 1.100 Milliarden Euro nach der Übernahme der Dresdner Bank 2009 schmolz die Bilanzsumme auf knapp 650 Milliarden Euro.

Es geht immer weiter bergab, eine Lösung muss her – und die könnte auch eine Übernahme bedeuten. Ende Juni erfuhr das Handelsblatt, dass man beim Großaktionär Bund und in Frankfurter Finanzkreisen derzeit nicht nur über einen möglichen personellen Neustart diskutiert. Es gehe auch um die Frage, ob die Commerzbank langfristig aus eigener Kraft überleben kann - oder nicht besser mit einem Partner. „Die Konsolidierung ist ein Thema für die Zeit nach der Bundestagswahl“, sagte ein Insider laut Handelsblatt-Informationen. Eine Option sei, die Commerzbank zu nutzen, um die Säulen des deutschen Finanzsystems aufzubrechen und das Frankfurter Geldhaus mit einer Landesbank oder einer Genossenschaftszentralbank zusammenzuspannen.

Als mögliche Käufer wurden in den vergangenen Wochen zahlreiche Namen gehandelt, darunter der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock, chinesische Banken und sogar die Deutsche Bank. Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain verneinte jedoch jegliches Interesse an jedweden Fusionen oder Übernahmen.

Michael Seufert, Commerzbank-Analyst bei der Norddeutschen Landesbank, winkt ebenfalls ab: „Ich halte die Übernahmespekulationen zum jetzigen Zeitpunkt für unrealistisch. Der niedrige Kurs spricht zwar dafür, allerdings befindet sich das Haus mitten in der Umstrukturierungsphase, weshalb es für Investoren nicht attraktiv ist.“ Erst vergangenen Monat verkündete die Commerzbank, in den nächsten dreieinhalb Jahren rund 5200 Stellen zu streichen. Das ist jede neunte der 45.000 Vollzeitstellen im Konzern.

Auch Guido Hoymann, Analyst beim Bankhaus Metzler, hält eine Übernahme für „unrealistisch“. Die Banken seien zurzeit vor allem mit sich selbst beschäftigt aufgrund der derzeitigen Kapitalknappheit. Selbst die Deutsche Bank, die derzeit mit einer Eigenkapitalquote von 9,6 Prozent ausgestattet ist, käme als potenzieller Käufer nicht in Frage. „Auch wenn die Deutsche Bank derzeit recht gut dasteht würde die Übernahme der Commerzbank sie vermutlich zurückwerfen.“ Allein die schlechtere Eigenkapitalquote der Commerzbank, die nach der jüngsten Kapitalerhöhung 8,6 Prozent beträgt, könnte dazu führen, dass sich nach einer Übernahme die Quote insgesamt verschlechtert.

Die Commerzbank hat zudem mit einigen Unsicherheiten zu kämpfen. So ist das Institut auch im zyklisch anfälligen Geschäft mit Gewerbeimmobilien und Schiffsfinanzierungen involviert. Vor allem die interne Bad Bank der Commerzbank könnte noch so manche Überraschungen bergen. „Es ist nicht zu erwarten, dass die Risikovorsorge auf diesem niedrigen Niveau bleibt“, sagte der Finanzvorstand Stephan Engels erst kürzlich mit Blick auf die Abbaubank. So werden etwa in der Schiffsfinanzierung weiterhin hohe Abschreibungen auf faule Kredite erwartet.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin
Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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  • Die Bedeutung bzw. Wirtschaftlichkeit von Banken wird im HB - und eigentlich nur hier - gerne an der Bilanzsumme gemessen. Hoch = gut, niedrig (bzw. sinkend) = schlecht. Diese Rechnung wäre eher der Bildzeitung zuzutrauen! Ausschlaggebend sind Erträge, und die Rendite des Eigenkapitals. Ob eine Bank eine grosse Bilanz hat oder nicht ist - speziell unter IFRS! - eher bedeutungslos. In dieser Hinsicht lebt das HB noch voll im 20ten Jahrhundert, als bei Bankbilanzen noch big is beautiful galt, und man die Aufblähung durch Derivate (kleine Anmerkung: Bilanzen haben 2 Seiten - und die Derivate stehen auf beiden..) gerne akzeptiert bzw. zur Unterstreichung der eigenen Bedeutung auch noch als echtes Wachstum verkauft. Heute sollten alle (inkl. HB) eigentlich gelernt haben, dass eine auf das notwendige reduzierte Bilanz (auch aufgrund von Themen wie Bankenabgaben) vorzuziehen ist.
    Der Aktienkurs ist äußerst unerfreulich, und man kann geteilter Meinung über manche Entscheidungen sein - aber gerade im Bereich der Bilanzsumme, die seit der Übernahme fast halbiert wurde, ist die Leistung der Commerzbank daher eigentlich positiv hervorzuheben.
    Es wäre schön, wenn das HB seine Analyse von Banken ans 21te Jahrhundert anpassen würde.

  • Korrektur. Muß natürlich heißen:

    Warum geht das HB diesem Kursverfall NICHT auf den Grund?

  • Warum geht das HB diesem Kursverfall auf den Grund?

    Die CoBa Aktie wird in London massiv und koordiniert unter Druck gesetzt durch shorts. Da es in D bald keine Aktionäre mehr gibt, fehlt hier jegliches Gegengewicht.

    Hier Herrn Blessing zu kreuzigen, liegt völlig daneben. Er ist auch ein Opfer dieser Verhältnisse.

    So geht es eben, wenn man seine industrielle und gewerbliche Substanz an's Ausland abgibt. Bekanntlich wird der DAX schon längst nicht mehr durch D beeinflusst.

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