Kommentar
Frankfurt droht durch Fusion ein Bedeutungsverlust

Die besten Tage der New Yorker Stock Exchange sind vorbei. Da kommt die Übernahme durch die Deutsche Börse gerade recht. Das Kalkül der New Yorker: Die Machzentrale sitzt auch nach der Fusion in Manhattan.
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New YorkMan mag es kaum glauben. Nach einem guten Jahrzehnt voller geplatzter Fusionsträume ist die Deutsche Börse praktisch am Ziel. Die Aktionäre der Mutter aller Börsen, der New York Stock Exchange, haben trotz aller emotionalen Bedenken der Quasi-Übernahme durch die Deutsche Börse zugestimmt.

Nicht nur für New York, die selbst ernannte Weltfinanzhauptstadt, auch für die USA als "Siegelbewahrer des Kapitalismus" ist dies ist ein historischer Moment. Denn die Wahrnehmung an der Wall Street ist eindeutig: "Ausgerechnet die Börse aus dem sozialistischen Europa kauft uns die Geburtsstätte unseres Finanzsystems weg!"

Aber die Entscheidung ist so pragmatisch wie amerikanisch. Denn die besten Tage liegen hinter der New Yorker Börse. So, wie sie lange die Umstellung vom Parkett auf den elektronischen Handel verpasst hat, so hat sie zu lange nur auf Aktienhandel gesetzt und die Entwicklung der Derivatebörsen verschlafen. Da kommt ein Partner, der mit Xetra als erste große Börse auf ein elektronisches Handelssystem gesetzt und mit der Eurex eine der erfolgreichsten Derivatebörsen gegründet hat, gerade recht.

Alles in allem sind die Frankfurter der ideale Partner für die New Yorker, um deren Laden wieder flottzumachen. Das alles dürfte der eine Grund sein, warum sowohl Öffentlichkeit als auch Aktionäre die Kröte schlucken, dass die Frankfurter zunächst 60 Prozent der Mandate im Aufsichtsrat stellen und die Fusion damit formal eine Übernahme ist.

Der zweite wichtige Grund ist das Vertrauen in den designierten Chef der neuen Börse, Duncan Niederauer. Der New Yorker Börsenmanager und Ex-Partner von Wall-Street-Primus Goldman Sachs wird schon dafür sorgen, dass die Machtzentrale in dem neuen Konzern dauerhaft an der Südspitze von Manhattan liegt, so das Kalkül. Und die Erfahrung mit ähnlichen Transaktionen spricht dafür, dass es genau so kommen wird. Hinter vorgehaltener Hand räumen das sogar diejenigen ein, die in Frankfurt von Berufs wegen das Gegenteil behaupten müssen. Paris hat nach der Fusion mit New York jedenfalls schwer gelitten.

Ist die Transaktion also schlecht für Frankfurt und die Deutsche Börse? Alles eine Frage der Alternativen, ist wohl die Antwort. Mit nur gut zehn Milliarden Dollar Marktwert ist die Deutsche Börse durchaus ein gefährdetes Übernahmeziel. Daher ist es nicht dumm, selbst den Partner bestimmen zu wollen, zumal einen, der Zugang zum größten Kapitalmarkt der Welt gewährt. Für Frankfurt als Standort wird die Fusion aber unweigerlich mit einem Bedeutungsverlust einhergehen. Die offene Frage ist, ob der Frankfurter Börsenchef Reto Francioni als zukünftiger Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Konzerns durchsetzungsfähig genug ist, diesen in Grenzen zu halten. Frankfurt sollte sich warm anziehen. Wer wie die Wall Street seine Geburtsstätte verkauft, der wird auch in Zukunft in Machtfragen pragmatisch und amerikanisch entscheiden.

Der Autor ist Korrespondent in New York. Sie erreichen ihn unter: benders@handelsblatt.com

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