Machtkampf in Kiew
Banken fürchten Chaos in der Ukraine

Den Österreichern reicht's: Raiffeisen International stellt die viertgrößte Bank der Ukraine zum Verkauf. Die Banken hoffen auf stabile Verhältnisse. Unicredit reagiert in dem osteuropäischen Land aber mit einer Fusion.
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Wien/KiewDie Banken fürchten angesichts des auf der Straße ausgetragenen Machtkampfes um die Stabilität der Ukraine. „Für eine Bank ist das Wichtigste, dass in einem Land stabile Verhältnisse bestehen“, sagte Gianni Franco Papa, stellvertretender Vorstandschef der Bank Austria, in Wien. „Wir hoffen auf eine Lösung in den nächsten Wochen.“ Der Italiener ist für das Osteuropa-Geschäft des Mutterhauses Unicredit zuständig.

Mit seiner Meinung steht Papa im Bankensektor nicht allein. „Die geringsten Probleme haben wir in Weißrussland. Dort herrscht Rechtssicherheit“, sagt ein Finanzexperte. Das ukrainische Nachbarland gilt als die letzte Diktatur in Europa.

Die österreichische Bank Raiffeisen International (RBI) will unterdessen aus der Ukraine aussteigen. Wie aus Unternehmenskreisen in Wien zu erfahren war, steht die ukrainische Tochter Bank Aval zum Verkauf – aber nicht zu jedem Preis. Ein Abschluss des Geschäfts wird aber nicht mehr in diesem Jahr erwartet. Der seit Sommer amtierende Vorstandschef Karl Sevelda erwartet einen Verkaufspreis von mehr als zwei Milliarden Euro.

Raiffeisen ist vor acht Jahren in dem knapp 46 Millionen Einwohner zählenden Land für 1,05 Milliarden Dollar eingestiegen und stellt heute mit der Raiffeisen Bank Aval JSC die mit einer Bilanzsumme von 4,9 Milliarden Euro viertgrößte Bank der Ukraine.

Schon jetzt dominieren die Russen den ukrainischen Finanzmarkt. Sie kommen nach einer jüngsten Studie auf einen Marktanteil von 38 Prozent. An zweiter Stelle folgen die Österreicher mit 15 und die Italiener mit 14 Prozent Marktanteil. Unicredit will hingegen trotz des zunehmend brutalen Machtkampfs an der Ukraine als Bankenstandort festhalten. Um ihre Schlagkraft zu erhöhen, wurde auf einer außerordentlichen Hauptversammlung beschlossen, die beiden Banktöchter zu einer Einheit zusammenzulegen. Die neue Bank in der Ukraine besitzt eine Bilanzsumme von 3,3 Milliarden Euro. Das Geldhaus mit insgesamt 435 Filialen und 6000 Mitarbeitern firmiert nach Unternehmensangaben vom Dienstag künftig unter dem Namen Unicredit Bank.

Der bei der Bank Austria für das Geschäft in Mittel- und Osteuropa zuständige Gianni Franco Papa setzt in das Land trotz der aktuellen politischen Krise große Hoffnungen. Die Ukraine sei mit Bankfilialen unterversorgt, sagte der italienische Bankmanager in Wien. Er sieht das Land als interessanten Markt. „Die Ukraine ist Europa, und es ist ein Land, das Investitionen braucht“, sagte der Manager. Die Bank Austria steuert von Wien aus das Mittel- und Osteuropa-Geschäft von Unicredit in 14 Ländern. In den ersten neun Monaten erzielte die Einheit einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro.

Die Volkswirte von Unicredit erwarten für das kommende Jahr in der Ukraine ein Wirtschaftswachstum beim Bruttoinlandsprodukt von einem Prozent. In diesem Jahr gehen die Volkswirte von einem Nullwachstum aus.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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