Société Générale-Chef
„Der Stimmungswandel an den Märkten war brutal“

Frédéric Oudéa, Chef der Société Générale, spricht im Interview über steigende Nervosität an der Börse, mangelnde Solidarität unter Europas Staaten - und wann sich die Lage wieder beruhigen könnte.

Handelsblatt: Herr Oudéa, kaum jemand hat Spekulation an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen so hautnah erfahren wie Sie. Wie wird man ihrer Herr?

Frédéric Oudéa: Das ist für mich eine zentrale Frage. Es gibt derzeit so hohe Unsicherheit im Markt, dass sich Gerüchte gut verbreiten können. In Zeiten des Internets können Sie zudem völlig haltlose Gerüchte in Windeseile streuen. Es ist schwierig, das zu unterbinden.

Was kann man tun?

Wir haben reagiert, indem wir sofort kommuniziert haben, dass die Gerüchte über Probleme unserer Bank absolut jeder Grundlage entbehren. Und dann haben wir unseren Regulierer gebeten, den Vorfall zu untersuchen. Letztlich ist es zentral, dass bei solchen Vorgängen ermittelt werden kann. Jeder, der darin verwickelt ist, sollte zur Rechenschaft gezogen werden.

Reicht das aus?

Darüber hinaus müssen wir versuchen, die Nervosität aus den Märkten zu nehmen, indem wir alle auf europäischer Ebene in den kommenden zwei Jahren hart arbeiten, um in den Staaten Strukturreformen durchzusetzen, Staatsschulden und Defizite herunterzufahren. Der Stimmungswandel an den Märkten in den vergangenen Wochen war brutal. Wir dachten, irgendetwas in dieser Art würde passieren - aber nicht in diesem Ausmaß. Wichtig ist jetzt, dass wir in Europa und den USA sicherstellen, dass wir auf Wachstumskurs bleiben - um die 1,5 Prozent erwarten wir für Europa in unserem zentralen Szenario und zwei Prozent für die USA.

Sollten Ihrer Meinung nach in kritischen Zeiten Leerverkäufe von Finanztiteln wie derzeit in Frankreich verboten bleiben?

Das Verbot von Leerverkäufen ist angebracht in einer Stresszeit und angesichts von Spekulationswellen. Ich hoffe nicht, dass wir den derzeitigen Stress zu lange haben werden. Ich hoffe, dass das Vertrauen in die Welt vor Jahresende zurückkommen wird.

Denken Sie wirklich, dass wir bis Ende des Jahres optimistischer sind?

Ich glaube, wir haben jetzt erst einmal eine kritische Zweimonatsperiode bis Ende Oktober. In dieser Zeit werden zum einen wichtige politische Dinge entschieden: die Hilfen für Griechenland, die Abstimmungen über die Ausweitung des europäischen Rettungsfonds EFSF. Zum anderen werden wir in dieser Zeit Konjunkturdaten sehen, die uns zeigen, ob es erste positive Trends gibt oder zumindest weniger negative Trends als befürchtet. Und die Banken werden ihre Quartalsergebnisse vorlegen und hoffentlich zeigen, dass es zwar kein einfaches Quartal war, aber Ergebnisse, Liquidität und Eigenkapital robust sind.

Können die Banken nach diesem schwachen August wirklich noch Ergebnisse vorlegen, die den Markt beruhigen?
Ein niedriges Aktivitätsniveau an den Finanzmärkten im August ist relativ häufig und Retailaktivitäten sind von Natur aus solide.

Verluste erwarten Sie nicht für das laufende Quartal?

Ich kann da nicht für alle Banken sprechen. Aber wir haben klar kommuniziert, dass wir keine Probleme haben. Die Société Générale hat eine solide Basis. Unser Engagement in Anleihen von Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien ist niedrig und in jedem denkbaren Szenario gut beherrschbar. Die Aktivitäten der Gruppe sind ertragreich, und unsere Liquiditätssituation ist sehr zufriedenstellend.

Am Ende hängt Ihr Quartalsergebnis daran, was Politiker zum Euro sagen.

Das Umfeld kann natürlich das Volumen an Aktivitäten an den Finanzmärkten beeinflussen. Aber worum geht es beim Euro? Als wir den Euro etabliert haben, gab es ein implizites Versprechen der Politiker, dass es einen Konvergenzprozess geben wird. In den vergangenen 15 Monaten haben wir aber gesehen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Mitgliedsländer alles andere als gleich ist. Ich sehe persönlich auch langfristig nicht, dass alle Euro-Länder mit unterschiedlichen Volkswirtschaften, aber derselben Währungs- und Zinspolitik in der Lage sein werden, den Märkten allein gegenüberzutreten. Wir brauchen klar mehr Konvergenz und mehr Haushaltsdisziplin, aber ich glaube, es wird irgendwann in der ein oder anderen Form auch einen Transfermechanismus geben müssen.

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„Der Eingriff der EZB war angemessen“

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