Wells Fargo streicht Millionen-Boni
Falsche Strukturen

Wells Fargo greift nach der Scheinkonto-Affäre im eigenen Haus hart durch – und kürzt die Bonuszahlungen. Besonders Ex-Chef Stumpf geht leer aus. Doch er ist nicht der Einzige, der auf viel Geld verzichten muss.
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San FranciscoEine dezentrale Konzernstruktur hat ihre Tücken. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Skandal im Vertrieb der US-Bank Wells Fargo, wenn man einer unabhängigen Analyse der Kanzlei Shearman und Sterling folgt. „Die zentrale Kontrolle, der Konzernchef John Stumpf vertraute, war durch die dezentrale Struktur von Wells Fargo eingeschränkt“, heißt es in dem 113-seitigen Bericht, den der Verwaltungsrat der Bank in Auftrag gegeben hatte. Dabei gelten dezentrale Strukturen in Großkonzernen eigentlich als besonders modern und effektiv.

Mitarbeiter der Bank hatten über Jahre hinweg Konten für Privatkunden ohne deren Wissen eröffnet, um damit ihre Verkaufsziele zu erreichen. In der Folge wurde Stumpf ebenso wie eine Handvoll weiterer Konzernmanager gefeuert. Die Bank musste rund 180 Millionen Dollar Strafe zahlen und verlor, was schwerer wiegt, Milliarden an Börsenkapitalisierung. Der Skandal schwelte jahrelang. In dieser Zeit wurden 5300 Mitarbeiter wegen Fehlverhaltens gefeuert, die Strukturen aber lange Zeit nicht geändert. Im Jahr 2013 wurden die meisten Problemfälle intern bekannt, aber selbst im ersten Quartal 2016 waren die Mängel noch längst nicht behoben. Zu den Missständen gehörten laut dem Bericht auch die Fälschung von Unterlagen bis hin zu nachgemachten Kundenunterschriften, dazu die Manipulation von Konten.

Die Autoren des Berichts üben harte Kritik an dem mittlerweile gefeuerten Konzernchef. „Stumpf hat sich nicht um Aufklärung und kritische Analyse bemüht, um das Problem vollständig zu verstehen“, heißt es. Grund dafür sei gewesen, dass die für den Bereich zuständigen Manager agiert hätten, „als gehöre ihnen das Geschäft“. Hinzu kam: „Stumpf war von seiner Persönlichkeit her ein optimistischer Manager, der sich weigerte zuzugeben, dass das Verkaufsmodell schwere Mängel hatte“.

Eine weitere Lehre: Zu viel Erfolg kann gefährlich sein. Hier heißt es: „Nach Jahrzehnten des Erfolgs war Stumpf von der dezentralen Struktur ebenso überzeugt wie von dem Modell, den Kunden möglichst viele verschiedene Produkte zu verkaufen.“ Dieses so genannte „Cross-Selling“ stand im Mittelpunkt des Skandals. Stumpfs Reaktion auf die spätestens 2013 deutlich werdende Krise sei durch das Vertrauen auf die bewährten Grundsätze „gefärbt“ gewesen, schreiben die Autoren.

Hinzu kam, dass der Konzernchef offenbar zu großes Vertrauen in Carrie Tolstedt setzte, die für den Bereich zuständig war. „Er bewunderte sie als Bankerin“, heißt es in der Analyse, die unter anderem auf 100 Gesprächen mit Mitarbeitern beruht. Deswegen habe er auf Zweifel an ihrer Person, die unter anderem vom führenden unabhängigen Mitglied des Verwaltungsrats wie auch dem Chef des Risikokontrolle geäußert wurden, nicht reagiert. Dabei war in es ihrem Bereich offenbar üblich, die Verkaufszahlen über alles zu stellen und die auftauchenden Probleme als Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter abzutun.

Stumpf galt bis zum letzten Sommer als erfolgreichster Bankchef Amerikas, wenn nicht sogar weltweit. Er hatte sich aus einer armen Bauernfamilie mit deutschen Vorfahren hoch gearbeitet an die Spitze von Wells Fargo. Die Bank überstand die Finanzkrise mit ihrem konservativen Geschäftsmodell besser als die meisten Konkurrenten und war bei Investoren wegen ihrer stabilen Erträge geschätzt. Wie die meisten Kollegen bei anderen Banken vereinte Stumpf die Funktionen von CEO und Chairman, also von Chef und Chef-Aufseher.

Die Bank hat von Top-Managern insgesamt 180 Millionen Dollar an Vergütungen wegen des Skandals einbehalten oder zurückgefordert. Dabei hat der Verwaltungsrat in den letzten Monaten noch einmal zusätzlich bei Stumpf wie auch bei Tolstedt zugegriffen.

In der Analyse, die auch auf der Auswertung von Unterlagen durch die Beratungsfirma FTI beruht, wird der Druck auf die Mitarbeiter beleuchtet, der von oben herab kam und über die Filialleiter an die einzelnen Mitarbeiter weitergegeben wurde. Dabei wird auch deutlich, dass ethische Grundsätze, die die Bank seit Jahren formuliert und propagiert, nichts nützen, wenn sie nicht durch die Anreiz-Systeme unterstützt werden.

Einige Mitarbeiter bekamen offenbar mehrmals täglich Anrufe mit der Aufforderung, ihre Ziele zu erfüllen. Einzelne Manager ermunterten ihre Mitarbeiter sogar ausdrücklich, auch unnütze Produkte zu verkaufen. Tolstedt schüchterte ihre Untergebenen offenbar so ein, dass selbst hoch gestellte Mitarbeiter sich scheuten, Kritik zu äußern – ein weiteres Beispiel dafür, wie ein fehlgeleiteter Managementstil letztlich zur Vernichtung von Unternehmenswert in Milliardenhöhe führen kann. Dabei hat der für ihren Bereich zuständige Risiko-Manager die Bereichs-Chefin noch unterstützt.

Der neue Bankchef Tim Sloan hat das Vergütungssystem komplett überarbeitet. Dabei hat er konkrete Vorgaben für den Verkauf von Produkten gestrichen. 4100 Risikokontrolleure wurden aus den einzelnen Geschäftseinheiten abgezogen in die Zentrale. Außerdem gibt es mit Stephen Sanger jetzt einen unabhängigen Chairman für die Bank.

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