EZB-Präsident
Trichet kämpft einen verlorenen Kampf

Nach dem Kauf von Anleihen finanzschwacher Euro-Länder und dem Rücktritt von Chefvolkswirt Jürgen Stark kämpft Notenbankchef Jean-Claude Trichet um seinen Ruf. Um die EZB selbst ist es jedoch noch schlimmer bestellt.
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Basel/ FrankfurtDer graue Seitenscheitel sitzt perfekt, sein dunkelblauer Anzug auch, und seine Worte sollen beruhigen: Die Weltwirtschaft habe an Schwung verloren, ja, aber eine Rezession, nein. Und die Europäische Zentralbank (EZB) habe weder durch den Kauf von Anleihen finanzschwacher Euro-Länder noch durch die jüngsten Rücktritte an Glaubwürdigkeit verloren.

Jean-Claude Trichet übt sich weiter in der Rolle des französischen Preuße, pflichtbewusst und unbeirrt. Der 69-Jährige steht seit 2003 an der Spitze der EZB seit 2003. Ende Oktober löst Mario Draghi ihn ab. Doch seine letzten sechs Wochen sind die schwersten. Der Franzose kämpft seine letzten Gefechte.

Der Rücktritt des deutschen "Falken" Jürgen Stark am Freitag als EZB-Chefvolkswirt, der unter anderem die sowieso schon umstrittenen Anleihekäufe nicht weiter mittragen wollte, fordern ihn als EZB-Chef noch einmal heraus. Trichet, der anders als Stark und der im Februar ebenfalls zurückgetretene Bundesbank-Chef und EZB-Ratsmitglied Axel Weber als Pragmatiker gilt, sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Denn nach seiner Lesart muss die EZB nur Lückenbüßer spielen, weil die EU-Regierungen nicht schnell genug den Euro-Rettungsfonds in Stellung bringen.

Doch Lückenbüßer hin oder her, der Anleihekauf ist ein Vertragsbruch, denn damit ist die Trennung von Fiskal- und Geldpolitik aufgehoben. Und als EZB-Chef davon auszugehen, dass die Staatschefs es ernst gemeint haben, als sie ihm gegenüber beteuerten, die EZB müsse die Staatsanleihen nur kaufen, bis der EFSF, der Krisenfonds für Europa, einsatzfähig sei, war leichtgläubig. Trichet hätte es sich schriftlich geben lassen sollen. Dokumentiert ist das nirgendwo.

Keine Lösung ist außerdem, sich lautstark auf die Leistungen der EZB bei der Gewährleistung von Preisstabilität zurückzuziehen. Das weiß auch Trichet. Das ist ein völlig anderes Feld, das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Das eine ist Geldpolitik, das andere Fiskalpolitik, in der sich Trichet gerade übt. Und wenn es schlecht läuft, wird man den EZB-Chef genau dafür in Erinnerung behalten: als den Präsidenten, der durch sein fiskalpolitisches Engagement die Glaubwürdigkeit der EZB ruiniert hat.

Sicher ist nur eins. Trichet ist in den letzten Wochen um Jahre gealtert - und er hat seine Gemütsruhe verloren. So rastete er in der monatlichen Pressekonferenz der EZB am Donnerstag aus. Und das ist auch kein Wunder für einen, der sich einst als "Klon" von Hans Tietmeyer darstellte, die Personifizierung der deutschen Stabilitätspolitik. Seinem Nachfolger wird Trichet ein schweres Erbe hinterlassen.

Trichet ist zwar Franzose. Doch auf politischen Rückhalt aus Paris braucht er nicht zu zählen. Im Gegenteil. Für Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy ist Trichet mit seiner sturen Haltung eine regelrechte Reizfigur.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin

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  • Wer wie Jean-Claude Trichet das Geld fremder Leute bewirt-
    schaftet neigt zur Nachlässigkeit und Verschwendung und
    versucht sich dadurch zu rechtfertigen, daß er auf dem
    Anleihenmarkt interveniert um das Entstehen einer ähnli-
    chen Situation wie nach dem Konkurs von Lehman Brothers
    im September 2008 entgegenzuwirken.
    Dabei hat Jean-Claude Trichet offensichtlich übersehen,
    daß die Lehman Brüder für ihre kriminellen Geschäftsprak-
    tiken als einzige Bank zur Rechenschaft gezogen wurde,
    was bei Jean-Claude Trichet, mit der Vernichtung des
    deutschen Volksvermögens, noch aussteht!!

  • mehr und mehr muss man den Eindruck gewinnen, dass die Handelsblatt Redaktion sich an einem Zerfall des Euro erfreuen würde. Ich finde dass es sich damit als seriöses Nachrichtenblatt disqualifiziert. Die Anleihenkäufe, wenn erfolgreich, verhindern ja eine schwere Deflation, welche mehr als wahrscheinlich aus monetären Gründen auf eine Pleite von z.B. Italien folgen würde (ein Schuldenschnitt senkt die Geldmenge, das ist ziemlich banal). Damit ist dies natürlich Teil der Geldpolitik.

  • Die Geldpolitischen Verwerfungen verdanken wir ausschliesslich der Fed. Die EZB hat 1 Mandat, sie hat sich auch mehr oder weniger pragmatisch an dieses Mandat gehalten. Den einzigen Fehler den ich ihr vorwerfe ist, dass sie diesen Unterschied nicht mit Nachdruck deutlich gemacht hat, und als Ausgleich fuer die unstabile Geldpolitik der Fed nicht andere regulative Mechanismen in Europa angedacht und durchgesetzt hat. Schon vor Jahren haette sie die Einfuehrung einer Finanztransaktionssteuer in Europa durchsetzen sollen. Die Einkuenfte haetten in einen Waehrungsfond fliessen koennen, den wir heute dringend als Cashreserve brauchen koennten.

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