China
Immobilienpreise gehen durch die Decke

Peking versucht schon seit zwei Jahren, den gefährlich überhitzten Häusermarkt abzuhühlen - doch die Chinesen stecken immer mehr Geld in Spekulationobjekte. Ökonomen warnen vor einer Wachstumsdelle, wenn die Preise nachgeben.
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SCHANGHAI. Nach Daten chinesischer Immobilienmakler sind die Preise für neue Grundstücke in der vergangenen Woche um elf Prozent gestiegen. Das weist nach Ansicht von Experten darauf hin, dass die Regierung in Peking eine Immobilienblase nicht in den Griff bekommt, die zu einer echten Gefahr für die Konjunktur werden könnte.

Im Jahr drei nach Beginn einer Finanzkrise mit Ausgangspunkt am Häusermarkt stehen die Wohnungspreise in China damit unter schärfster Beobachtung. Die chinesische Regierung, Ökonomen im In- und Ausland und nicht zuletzt potentielle Käufer der eigenen vier Wände sind sich inzwischen einig: Der Markt ist kräftig überhitzt. Allein im Juli stiegen die Preise in den 70 größten Städten im Vergleich zum Vorjahresmonat um mehr als zehn Prozent. Die Frage ist also weniger, ob sich in China eine Blase aufbläht - sondern wie gefährlich die Entwicklung für die Gesamtwirtschaft sein wird.

Die Gefahr eines Rückfalls in die Krise durch die laufende Abkühlungspolitik der Regierung sei gering, sagt Ba Shusong, stellvertretender Leiter des staatlichen Finanzforschungsinstituts. In den Großstädten existierten zwar örtliche Blasen, aber China sei groß und vielfältig - für das Wachstum bestehe keine echte Gefahr. US-Ökonomen sehen das anders. Sie stützen sich auf die Erfahrung ihre eigenen Landes, wo fallende Immobilienpreise das ganze Wirtschaftssystem in den Abgrund gezogen haben. Harvard-Professor Kenneth Rogoff rechnet daher bereits mit einem "Kollaps" in China. Solche Aussagen hören die Investoren am Aktienmarkt gar nicht gerne: Der Index für Immobilienfirmen am Shanghaier Aktienmarkt fiel seit Jahresbeginn um 23 Prozent.

Beobachter aus dem Privatsektor siedeln ihre Prognosen mehrheitlich zwischen den Extremen an. Sie nehmen die Blase ernst, halten die China-Story jedoch nicht erstlich für gefährdet. Sie sehen den Preisanstieg hauptsächlich als Problem der unmittelbar betroffenen Branchen wie Immobilien oder Bau. Daran hängt ein guter Teil der chinesischen Wirtschaftsaktivität, doch das Wachstum sieht zurzeit dermaßen stark aus, dass es die Probleme wohl schlucken kann.

In Chinas unkomplizierten und staatliche geregelten Finazsystem sind die Immobilienpreise außerdem nicht durch versteckte Mechanismen mit den Bankbilanzen verknüpft. Es wirken auch keine Hebel auf die Gewinne und Verluste, wie US-Banker sie durch Arbeit mit großen Mengen geliehenen Geldes konstruiert haben. Einen Stresstest auf fallende Immobilinepreise überstanden Chinas Geldhäuser jedenfalls mit guten Noten.

Von vergleichsweise ungefährlichen "Mikroblasen" spricht daher Stephen Roach, der Asienchef von Morgan Stanley. Die Investmentbank Nomura erwartet einen Preisrückgang von zehn bis 20 Prozent in den kommenden 12 bis 18 Monaten. Das wäre dramatisch, aber keine Katastrophe: Nomura erwartet davon nur mäßige Auswirkungen auf die Makroökonomie. Die Experten bestätigen fürs Gesamtjahr ihre Wachstumsprognose von über zehn Prozent.

Dass die Preise demnächst herunterkommen, gilt jedoch als sicher. Da die Blase als tägliches Thema die Medien beherrscht, werden die Investoren bereits unsicher. Die Regierung bekämpft derweil den weiteren Preisanstieg mit konkreten Eingriffen. Um Spekulanten abzuschrecken, sollen die Banken beispielsweise keine Wohnungskredite mehr an Käufer von Drittwohnungen vergeben. Hohe Anzahlungen von einem runden Drittel der Kaufsumme sind Pflicht. Die Regierung diskutiert zudem in aller Öffentlichkeit die zügige Einführung einer Grundsteuer auf teure Immobilien. "Doch die Maßnahmen zeigen bisher nicht viel Wirkung", sagt Ökonom Dariusz Kowalczyk von Credit Agricole in Hongkong. Vermutlich werde die Regierung die Schrauben jetzt weiter anziehen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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