China
Warum die Brautschau den Immobilienmarkt anheizt

Die eigene Wohnung ist in China eine Bedingung zum Heiraten. Weil Käufer fast jeden Preis zahlen, wird der überhitzte Markt weiter angefacht. Die Regierung bangt vor einer platzenden Immobilienblase.
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PEKING. Der 23-jährige Wang Boyu hat gerade erst mit seinem Job angefangen, doch seine Gedanken kreisen jetzt schon ausschließlich um einen geplanten Wohnungskauf. "Meine größte Sorge ist die Finanzierung", sagt der Nachwuchsbeamte. "Ohne Wohnung kann ich nicht heiraten." Er hat sich bereits ausgerechnet, wie lange er brauchen wird, bis er sich im teuren Shanghai die eigenen vier Wände leisten kann. In etwa fünf Jahren kann er die Anzahlung von 40 Prozent des Kaufpreises zusammen haben, wenn seine Eltern und seine Tante ihre Ersparnisse zuschießen. "Wang Boyu ist ein echter Wohnungssklave", sagt sein bester Freund und benutzt dabei ein neues Modewort. "Aber das ist kein Wunder, denn erst muss man die Wohnung haben, dann kann man eine Frau finden."

So wie Wang Boyu und seine Freunde denken viele Chinesen. Sie glauben, um jeden Preis eine Wohnung kaufen zu müssen - und treiben damit das Niveau des Gesamtmarkts in immer neue Höhen. Die Quadratmeterpreise in Peking haben sich von 2006 bis 2010 mehr als verdoppelt. Das treibt die Inflation und macht das Volk zunehmend unzufrieden. Die Regierung muss nun mit Zinserhöhungen gegensteuern - mit erheblichen Nebenwirkungen für die Konjunktur. Seit dem Frühjahr hat sich die Regierung daher immer neue Regeln ausgedacht, die den Preisauftrieb auch ohne geldpolitische Eingriffe dämpfen sollen.

Regierung fürchtet Immobilienblase

Zuletzt sind Kaufbeschränkungen für Ausländer dazu gekommen. Zuvor hatte die Regierung die Banken angewiesen, mit Finanzierungen zu geizen. Der Effekt hält sich jedoch in Grenzen. Im November stiegen den Preise in den 86 wichtigsten Städten immer noch um ein knappes Prozent. "Wir müssen den Preisanstieg unbedingt eindämmen", sagt Bu Shusong vom Entwicklungsforschungsinstitut des Staatsrats. Sonst drohe eine echte Immobilienblase.

Der Preisanstieg bringt aber nicht nur die Regierung in Bedrängnis. Durchschnittschinesen treibt er schier zur Verzweiflung. Zu deren kulturellen Identität nämlich gehört ganz selbstverständlich die Erwartung, sich schon nach einigen Jahren disziplinierten Sparens eine eigene Wohnung leisten zu können - und zwar möglichst ohne Kredit von der Bank. Diese aus westlicher Sicht überzogene Erwartung unterscheidet den chinesischen Häusermarkt von jenem in Deutschland oder den USA, sagen Experten. "In New York City kann ich mir schließlich auch nicht so einfach ein Apartment zulegen", sagt Ökonom Louis Kuijs von der Weltbank.

Vorschub geleistet hat dem unbedingten Wunsch der Chinesen nach Wohneigentum zudem die Politik der Privatisierung: Seit den 1980er-Jahren verfolgte die chinesische Regierung die Strategie, Staatseigentum in Privathände zu überführen. Dies beförderte die Vorstellung der chinesischen Bürger, jeder müsse in der Lage sein können, sich eine eigene Wohnung zu leisten. So sagen auch heute mehr als 90 Prozent der Chinesen in einer Umfrage, dass sie sehr unzufrieden seien mit den hohen Preisen. 75 Prozent wünschen sich Quadratmeterpreise unter 8000 Yuan (890 Euro) pro Quadratmeter - ein Niveau, das heute illusorisch niedrig ist. Nur knapp zehn Prozent sind bereit, realistischere 12 000 Yuan pro Quadratmeter zu zahlen.

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  • im Allgemeinen reguliert sich alles von selbst. Eine Trendbewegung einer bestimmten intensität löst eine Gegenbewegung in der gleichen Stärke aus. in Kulturen, in denen Frauen/Mädchen keine Wertschätzung erfahren, wird es auf die ein- oder andere Weise einen Männerüberschuß geben, solange Kriege ausbleiben.

  • Der Frauenmangel in China führt dazu, dass dort ein junger Mann ein teures Westauto, eine eigene Wohnung sowie einen sicheren und gut bezahlten Job als Grundvoraussetzung vorweisen muss, um auf dem beziehungsmarkt überhaupt eine geringe Chance zu haben. Der Chinese muss wie ein Pfau mit seinem bescheidenen "Reichtum" werden. Ein ziemlich krankes System, von dem die bRD aber massiv profitiert, denn die bRD lebt im ganz wesentlichen von den Autoexporten nach China.
    in der bRD ist hingegen eine völlig anders gelagertes balzverhalten festzustellen. Wirklich vermögende Männer stellen ihren Reichtum nicht zur Schau - immer die Gefahr vor Augen, nicht an eine geldgierige, zur finanziellen Ausnutzung neigende Frau zu geraten. Deutsche Männer die Porsche fahren, haben diesen oftmals auf Kredit finanziert und versuchen so, Minderwertigkeitskomplexe auszugleichen. Das ist aber deutschen Frauen bekannt, weswegen hierzulande es bei Frauen mehr Eindruck macht, sich als umweltverbundener, autoloser Radfahrer zu outen. Auch spielt bei deutschen Frauen der Reichtum eines Mannes kaum eine Rolle. Eher befürchten Frauen, bei einem reichen Mann nur das fünfte Rad am Wagen zu sein, weshalb Frauen gerne beziehungen eingehen, wo sie selbst mehr verdienen als der Mann.
    Also durchaus bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Kulturen.

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