Leipziger Platz
Bizarres Pokerspiel um Berliner Filetstück

Auf dem Gelände des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses am Leipziger Platz in Berlin soll ein Gewerbepark mit großem Einkaufszentrum entstehen. Doch kurz vor Baubeginn gibt es Verwirrung: Zwei Unternehmen streiten sich darum, wer nun der Bauherr auf dem Filetgrundstück ist.
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BERLIN. Man könnte meinen, es läge ein Fluch auf dem Grundstück am Leipziger Platz im Zentrum Berlins. Bis zum Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs stand hier das berühmteste aller Wertheim-Kaufhäuser. Doch inzwischen steht hier schon lange nichts mehr. Seit den 1990er Jahren sind gleich mehrere Projektentwickler und Investoren an der Neubebauung des prominenten Areals gescheitert. Und jetzt, kurz vor dem angekündigten Baubeginn, bringt ein Streit zwischen zwei Unternehmen das Vorhaben in neue Turbulenzen.

Völlig überraschend kündigte in dieser Woche Jean-François Ott, Chef der Orco Property Group, an, das auf gut 400 Mio. Euro taxierte Neubauprojekt jetzt selbst realisieren zu wollen. Dabei hatte die deutsche Unternehmenstochter Orco Germany das Areal im Jahr 2006 für 75 Mio. Euro von der Jewish Claims Conference erworben, es Ende 2009 aber an die High Gain House Investments (HGHI) des Berliner Projektentwicklers Harald G. Huth weiterverkauft. So glaubten zumindest alle Marktkenner - doch jetzt sagt Ott: "Das Grundstück gehört nach wie vor Orco Germany."

Formal ist das richtig. Der Kaufpreis sei noch nicht überwiesen, bestätigt Huth. Grund dafür sei, dass es Orco bisher nicht geschafft habe, eine Einigung mit allen Anrainern zu erzielen. Tatsächlich sind laut Orco-Chef Ott noch drei Klagen gegen das Bauvorhaben anhängig, wobei nur in einem Fall eine Einigung nicht in Sicht sei. Trotzdem will Ott bereits im Dezember oder Januar die Bagger auffahren lassen.

"Ohne die HGHI fängt keiner im Dezember zu bauen an", kontert Huth. Denn Planung, Finanzierung, Bau- und Mietverträge seien ganz auf die HGHI ausgerichtet. Huth soll bereits für 80 Prozent des geplanten Einkaufszentrums, das mit 36 000 Quadratmetern Verkaufsfläche einen Großteil des Projekts ausmacht, Mieter gefunden haben. Außerdem gehören Büroflächen, Wohnungen und eine Tiefgarage zum Bauvorhaben.

Dass Orco nun wieder selbst das Ruder in die Hand nehmen will, hängt damit zusammen, dass sich die finanzielle Lage des krisengeschüttelten Unternehmens in den vergangenen Monaten verbessert hat. Die Muttergesellschaft Orco Property Group hat das französische Insolvenzverfahren abgeschlossen und auch die deutsche Tochter konnte sich durch den Verkauf der meisten ihrer Projekte ihrer ärgsten finanziellen Nöte entledigen.

Allerdings betrugen die Schulden von Orco Germany im Juni 2010 noch immer 869 Mio. Euro. Orco-Germany-Chef Rainer Bormann hat derweil angekündigt, das Unternehmen zu verlassen und seinen im Oktober 2011 auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Das erklärt auch, warum nicht Bormann, sondern Orco-Group-Gründer Ott vor die Presse trat, um den Strategiewechsel zu verkünden.

Einen Erfolg konnte Ott mit seinem Überraschungscoup immerhin bereits verbuchen: Orco sitzt beim Projekt Leipziger Platz wieder mit im Boot. Gestern teilte das Unternehmen mit, man habe sich mit der HGHI auf die gemeinsame Entwicklung des Vorhabens geeinigt.

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