Nachgefragt
„Ein quantitatives Überangebot gibt es nicht“

Sechs Fragen zum Berliner Immobilienmarkt und der Stadtenwicklung an Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung.

Handelsblatt: Frau Junge-Reyer, in Berlin wird viel gebaut …

Junge-Reyer: Das Besondere an Berlin ist, dass es immer noch viel Raum gibt. In anderen europäischen Großstädten muss erst abgerissen werden, bevor etwas Neues entstehen kann.

Welche Großflächen eignen sich derzeit besonders für solche Neubauprojekte?

Rund um den Hauptbahnhof gibt es gleich mehrere Gebiete für neue Büros, Hotels und Wohnungen, nördlich des Bahnhofs wird sogar ein ganz neues Stadtviertel entstehen, das so genannte Lehrter Stadtquartier. Außerdem gibt es viele freie Flächen entlang der Spree, zum Beispiel in Charlottenburg. Ein regelrechter Entwicklungsbogen zieht sich von Kreuzberg und Friedrichshain entlang des Spreeufers bis hin in den Süden nach Treptow. Das Gelände des Flughafens Tempelhof bietet viel Freiraum und Möglichkeiten für eine ökologisch orientierte Bauausstellung.

Aber wer soll all die Gebäude nutzen?

Etwa 2 300 Hotelzimmer und rund 100 000 Quadratmeter Bürofläche sind aktuell im Bau. In der ersten Zeit nach dem Mauerfall – vor etwa fünfzehn Jahren – haben sich die Planer sicher bezüglich des einen oder anderen Ortes geirrt und Flächen geschaffen, von denen einige bis heute brach liegen. Hotels und Bürogebäude standen lange Zeit leer. An vielen dieser Orte lohnen sich heute Investitionen wieder. Nehmen Sie den Alexanderplatz. Er hat sich lange nicht weiter entwickelt. Jetzt steht dort das Einkaufszentrum Alexa, der Kaufhof und das Berolinahaus sind Anziehungspunkte geworden für die ganze Stadt und bald entstehen dort Hotels und Büros. Vor allem für Hotels gibt es steigende Nachfrage in allen Preissegmenten.

Bei Büros sieht die Sache anders aus. 1,5 Mill. Quadratmeter Bürofläche stehen immer noch leer.

Es gibt leer stehende Büros in Berlin, aber nur solche, die am falschen Ort stehen. Ein wirklich quantitatives Überangebot gibt es nicht. Es kommt auf die Lage und die Anforderungen der Nutzer an. Die Nachfrage für die City West oder den Bereich um den Alexanderplatz ist sehr groß, auch für die Zentren der einzelnen Bezirke.

Berlin ist polyzentral organisiert, auch auf Verwaltungsebene. Die Bezirke bestimmen, was gebaut wird – zumindest, solange das den Vorgaben des Flächennutzungsplans entspricht. Damit ist das Chaos vorprogrammiert.

Wenn etwas von gesamtstädtischer Bedeutung ist, oder ein Gebiet nach vielen Jahren ein neues Leitbild benötigt wie derzeit die City West, dann übernehmen wir die Verantwortung. Ansonsten erteilen die Bezirke tatsächlich die Baugenehmigungen. Solange diese dem aktuellen Planungsrecht entsprechen, müssen sie uns das nicht mitteilen. Ich zähle bestimmt nicht jedes einzelne Hotelbett. Aber wir treffen weiterhin die grundsätzliche Entscheidung, wo im Rahmen der Flächenutzungsplanung geeignete Standorte für Hotels, Einzelhandel oder Dienstleistungen sind. Wo dann letztlich etwas entsteht, regelt der Markt.

Ganz anders beim Thema Einzelhandel. Da gibt der Zentrenplan des Senats eindeutig vor, welche Geschäfte wo entstehen dürfen.

Zum einen muss die Nahversorgung gesichert sein. Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Organisation der Stadt. Wenn ich überall verstreut Einzelhandel beliebiger Größe zulasse, entstehen lange Wege, die nur mit dem Auto zu bewältigen sind. Deswegen haben wir die Grenzen sowohl für die Größe als auch für das Sortiment klar gezogen. Aber wir wollen die einzelnen bezirklichen Zentren stärken, nicht die grüne Wiese oder beliebige Standorte in der Nähe von Autobahnen oder ehemaligem Bahngelände – sie sind der Mittelpunkt lebendiger Stadtteile.

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