Wandel der Vergnügungsmeile
St. Pauli wird gesellschaftsfähig

St. Pauli, vielfach besungen, ist Hamburgs bekanntester Stadtteil, seine Vergnügungsmeile Reeperbahn weltberühmt. Doch in den vergangenen fünf Jahren wurden auf dem Kiez immer mehr Mietshäuser abgerissen, Live-Clubs und Imbisse geschlossen. Stattdessen hat sich das Hamburger Rotlichtviertel zur begehrten Firmenadresse gewandelt.
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HAMBURG. Es wurden Hochhäuser und Luxushotels, Filialen bekannter Markenanbieter und Nobelrestaurants gebaut, Schlipsträger zogen ein, Blaumännner aus. „Das schöne alte St. Pauli verschwindet langsam“, klagt deshalb Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD).

Auch Arne Flick, Geschäftsführer der Internet-Agentur Rio Nord, der seit 1996 auf dem Kiez lebt, registriert die Wandlung mit gemischten Gefühlen: „Einerseits ist es gut, dass viele Gebäude jetzt saniert und Baulücken geschlossen werden, anderseits werden durch die steigenden Pachten und Mieten viele kleine Läden und alteingesessene Bewohner vertrieben. Das verändert und bedroht die kulturelle Identität.“ Der Chef von 30 Spezialisten für Online-Vertrieb läuft bei Markus Schreiber offene Türen ein: Der will einer „Yuppisierung“ St. Paulis entgegenwirken die Mischung aus Alt und Jung, aus saniertem Bestand und Neubau, aus Wohnen, Arbeiten und Vergnügen erhalten. Dafür sorgen soll eine „soziale Erhaltungsverordnung“, ein städtebauliches Instrument aus dem Baugesetzbuch, durch das beispielsweise die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen verhindert werden kann. CDU-Fraktionschef Gunter Böttcher nennt diesen Vorstoß ein „scharfes Schwert“ und lobt die „hochwertige Wohnbebauung“. Als Beispiel nennt er das Bavaria-Quartier, das auf der so genannten „Hafenkrone“, 20 Meter oberhalb des Elbstroms liegt. Leuchtturm-Projekte sind der Astra-Turm, in dem auch die Zentrale der DWI Grundbesitz residiert, und das 20-stöckige Atlantic Haus, in dem Unternehmen wie AOL Deutschland, die Werbeagentur BBDO und Personalberater Management Angels Mieter sind. Die Spezialisten für die Vermittlung von Interimsmanagern sitzen im 16. Stock: „Das Besondere ist nicht nur der großartige Blick auf den Hafen, sondern vor allem die bunte Mischung im Viertel“, lobt Geschäftsführer Thorsten Becker. Kleine Bars neben neuen Hotels wie dem „East“, leichte Mädchen neben Besserverdienenden im Zweireiher. Die Vielfarbigkeit und Vitalität des Stadtteils wirke sich positiv auf die Kreativität der Belegschaft aus: „Unsere Mitarbeiter lieben ihren neuen Arbeitsplatz.“ Für Management Angels sei eine Adresse wie das Atlantic Haus auf dem Kiez „die beste Visitenkarte“. Becker sieht in der Metamorphose St. Paulis eine große Chance für die Hamburger Wirtschaft: „Die Öffnung des Viertels für Neues ermöglicht vielen Betrieben, sich wieder entlang der traditionellen Achse der Stadt am Hafen anzusiedeln.“

Das bestätigen Fachleute für Bürovermietung wie Matthias Huss von Colliers Grossmann & Berger: „Die Nachfrage nach Büroraum auf St. Pauli steigt.“ Als die ersten Mieter ihre Umzugskartons ins Atlantic Haus schleppten, waren die Makler überrascht, dass nicht nur Kreativunternehmen, sondern auch Banken, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Steuerberater und Energieunternehmen kamen. Huss glaubt, dass St. Pauli durch die neuen Edelimmobilien „gesellschaftsfähig“ geworden ist.

Weitere Projekte dürften die Anziehungskraft des einstigen Rotlichtbezirks stärken: So baut das Architektenbüro Bothe Richter Teherani am Ostende der Reeperbahn für 150 Mio. Euro zwei rund 80 Meter hohe „Tanzende Türme“, am Holstenwall sollen weitere Wohn- und Büroflächen sowie ein Motel entstehen. Huss ist optimistisch, dass trotz der momentanen Flaute auf dem Hamburger Büromarkt die Mieten auf St. Pauli stabil bleiben. Und die sind mittlerweile hoch: Im Bavaria-Quartier werden in den obersten Stockwerken bis zu 25 Euro Miete pro Quadratmeter erzielt. Zum Vergleich: In der HafenCity sind es bis 24 Euro, in Eppendorf nur bis zu 16 Euro.

Kiez in Zahlen

Wohnviertel

Westlich der Hamburger Neustadt beginnt St. Pauli – und reicht entlang der Elbe bis nach Altona. Seine Berühmtheit verdankt der kleinbürgerlich geprägte Kiez mit knapp 30 000 Einwohnern seinem Vergnügungsviertel um Reeperbahn, Spielbudenplatz, Herbertstraße und Große Freiheit.

Bürostandort

406 000 Quadratmeter (qm) Bürofläche gibt es auf St. Pauli. In Hamburg sind es insgesamt mehr als 12,8 Mio. qm. Die Leerstandsquote im Kiez lag im zweiten Quartal 2009 bei 7,1 Prozent (Hamburg: 7,6 Prozent), 2,5 Punkte weniger als im ersten Quartal. Der durchschnittliche monatliche Mietpreis stieg von 11,42 Euro/qm im Jahr 2003 auf 14,72 Euro.

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