Wohnungsmarkt
Leeres Land, volle Stadt

Während die einen über Leerstände klagen, werden die anderen von Wohnungsinteressenten schier überrannt. Auf dem Immobilienmarkt könnten die Unterschiede zwischen Metropolen und Peripherie größer kaum sein.
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BerlinEs klingt alarmierend: „Deutschland hat eine neue Wohnungsnot“, verkündet die Kampagne „Impulse für den Wohnungsbau“, in der sich Interessenverbände der Bauwirtschaft, der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) und der Deutsche Mieterbund zusammengeschlossen haben. Ohne massive staatliche Förderung des Neubaus, so das Ergebnis einer von der Kampagne in Auftrag gegebenen Studie, werden im Jahr 2017 in Deutschland gut 400.000 Mietwohnungen fehlen.

Allerdings ist der Bedarf nach Angaben des für die Studie verantwortlichen Pestel-Instituts sehr unterschiedlich: Wachsenden Leerstandsquoten in ländlichen Regionen steht demnach eine Verknappung des Wohnraums in Ballungsräumen gegenüber. Bereits heute fehlen laut Pestel-Institut in München 31.000, in Frankfurt am Main 17.500 und in Hamburg 15.000 Mietwohnungen. In der Summe müssten nach Berechnungen von Studienautor Matthias Günther jährlich mindestens 130.000 Mietwohnungen errichtet werden – fast doppelt so viele, wie im Durchschnitt der letzten Jahre gebaut wurden. „Da Wohnungsmärkte lokale Märkte sind“, argumentiert Günther, „helfen Leerstände in der Eifel, Südniedersachsen oder Sachsen-Anhalt den Wohnungssuchenden in Hamburg, Köln, München oder Potsdam nicht weiter.“

Einen „Wohnraummangel in wachsenden Großstadtregionen“ diagnostiziert auch Axel Gedaschko, Präsident des wohnungswirtschaftlichen Dachverbands GdW. Insbesondere für sozial schwächere Menschen werde Wohnraum zur „Mangelware“. BFW-Präsident Walter Rasch fordert deshalb eine Verdoppelung des steuerlichen Abschreibungssatzes von zwei auf vier Prozent, um den Wohnungsbau anzukurbeln.

Die Zahlen des Pestel-Instituts sind jedoch alles andere als unumstritten. Einen viel niedrigeren Neubaubedarf hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in seiner Wohnungsmarktprognose 2025 ermittelt. Demnach reichen im Jahresdurchschnitt 68.000 neue Geschosswohnungen sowie 115.000 Einheiten in Ein- und Zweifamilienhäusern aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Für 2025 prophezeit das BBSR für die meisten Regionen sogar ein erhebliches Leerstandsrisiko im vermieteten Geschosswohnungsbestand.

„In den vergangenen Jahren wurde eindeutig zu wenig gebaut“, sagt hingegen Ludwig Dorffmeister, Immobilienexperte beim Münchener Ifo-Institut. Nach seinen Berechnungen wird das Bauvolumen in den kommenden zehn Jahren kontinuierlich ansteigen: Im Jahr 2021 werden danach etwa 275.000 Wohneinheiten, davon 160.000 in Ein- und Zweifamilienhäusern sowie 115.000 in Mehrfamilienhäusern, auf den Markt kommen. Besonders deutlich werde sich die Zunahme in Bayern und Baden-Württemberg zeigen, beides Bundesländer mit hoher Wirtschaftskraft; aber auch in Nordrhein-Westfalen und den neuen Bundesländern erwartet er mehr Neubauten.

Derweil genehmigten die Behörden 2011 deutschlandweit den Bau von 228.400 neuen Einheiten – fast 22 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Besonders markant war mit 26,8 Prozent die Zunahme bei den Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, die in der Regel in Ballungsräumen entstehen: ein Zeichen, dass die Projektentwickler auch ohne zusätzliche Förderprogramme auf die steigende Nachfrage reagieren.

Christian Hunziker
Christian Hunziker
Schulenburgring 2, 12101 Berlin, 030/49768424 / Freier Journalist

Kommentare zu " Wohnungsmarkt: Leeres Land, volle Stadt"

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  • Es ist nur wirtschaftlich wenn die Verstädterung zu nimmt - und für die Umwelt ist es auch besser!

    Was soll diese Zersiederlung in Deutschland? Kaum 5km die nicht irgendwie durch eine Strasse oder ein 300 Seelenkaff zersiedelt sind.

    Selbst Länder wie Russland haben mittlerweile erkannt, das Sie sich auf die Ballungszentren konzentrieren müssen, ein umfassender Plan der Ballungszentren fördert und das Land verkommen lässt wurde dazu bereits letztes Jahr ausgerarbeitet.

    Das sollte es für Deutschland auch geben. Wer auf dem Land leben will, soll das tun, aber er soll nicht erwarten das der Bund und die Länder die neuesten Hochgeschwindigkeitsnetze/Strassen/Handynetze usw. auch in den letzten Winkel der Repunblik legt. Es muss nicht sein das jeder Meter irgendwo zersiedelt ist. Es wäre prima wenn es in Deutschland auch noch Naturräume mit 50km Durchmesser gäbe - OHNE ein Dorf dazwischen.

    Das wird wieder kommen. Für mich ist das Glas halb voll, wenn ich solche Berichte lese, nicht halb leer. Urbanisierung hat Vorteile für alle Beteiligten.

  • Ich meine, dass es sinnvoll und wünschenswert wäre, dieser Landflucht entgegenzuwirken.

    Entvölkerte Landstriche und übervölkerte Städte, Leerstand und damit Entwertung von weiten Beständen des Immobilienvermögens zugunsten notwendig werdender Neubauten. Ich halte das nicht für erstrebenswert.

    Durch die heutigen technologischen Möglichkeiten sollte das machbar sein. Strukturschwache Gebiete sollten mit Programmen analog der Zonenrandförderung gestützt werden.

  • Größer kann die Not nicht zum Ausdruck kommen, wenn diese Nissenhütten Käufer finden und Nomaden der Arbeit hinterher laufen. Soll das gesellschaftlicher Fortschritt sein? Ist es nicht Ziel, im Geltungsbereich des GG für annähernd gleiche Lebensbedingungen zu sorgen?

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