Aktien unter der Lupe
Embraer zeigt Stärke

In seinen Auftragsbüchern spürt der brasilianische Flugzeugbauer Embraer, dass es den Fluggesellschaften besser geht. Analysten raten zum Kauf der Aktie, die billiger sei als vergleichbare Papiere in der Branche.

SAO PAULO. Im dritten Quartal erteilten die Kunden Embraer so viele Aufträge wie selten zuvor. Nach einer Order von 100 Flugzeugen aus China und weiteren 36 Flugzeugen von der US-Fluglinie Northwest hat der Konzern jetzt 444 feste Bestellungen in seinen Büchern. Der Auftragsbestand des inzwischen drittgrößten Flugzeugbauers weltweit ist damit allein im zweiten Halbjahr um rund ein Drittel auf insgesamt 13,3 Mrd. Dollar gestiegen. Zudem sind weitere Auftragseingänge zu erwarten – vor allem aus den USA, wo die Fluggesellschaften nach den Krisenjahren den Investitionsrückstand aufholen wollen. Auch die nach dem Konkurs neu gegründete brasilianische Fluggesellschaft Varig will mit staatlicher Finanzierungshilfe Embraer-Flugzeuge kaufen.

Das brasilianische Unternehmen profitiert von der Schwäche der Konkurrenz: So kann der kanadische Konkurrent Bombardier auf dem Regionalflugzeugmarkt mit seinen Modellen Embraer kaum noch Paroli bieten. Im mittleren Segment der 55-Sitzer etwa hat Embraer 300 Buchungen, die Kanadier dagegen nur 73, was selbst die Bombardier-Führung kürzlich als „unannehmbar tief“ einschätzte. Bombardier kann vor allem auf dem Markt der großen Regionalmodelle bis 130 Sitzplätze nicht mithalten. Denn Bombardier verzichtete Anfang des Jahres darauf, seine so genannte C-Serie zu entwickeln, weil die Flieger zu spät auf den Markt gekommen wären. Embraer ist derzeit in dem Marktsegment Alleinanbieter. „Die nächsten fünf Jahre wird Embraer in diesem wichtigen Segment führen“, sagt der US-Flugexperte John Walsh.

Zudem hat Embraer bereits weiter diversifiziert: Viel versprechend entwickelt sich das neue Geschäft mit den kleinen Business-Jets („Phenom“). Seit der Flugmesse Ende Juli in Farnborough erhöhte sich der Auftragsbestand um ein Drittel. In diesem Jahr wird der Konzern voraussichtlich rund 14 Prozent seines Umsatzes von erwarteten 4,1 Mrd. Dollar – so JP Morgan – mit Business-Jets erwirtschaften. In fünf Jahren will Embraer ein Fünftel seines Geschäfts mit den Lufttaxi-Gesellschaften verdienen. Für 300 Phenoms liegen die Bestellungen schon vor, obwohl die Jets nicht vor Anfang 2008 ausgeliefert werden sollen.

Zudem entwickelt Embraer ein weiteres Kleinflugzeug für zehn Passagiere. Embraer profitiert davon, dass Ingenieurleistungen in Brasilien bei gleicher Qualität etwa halb so viel kosten wie in Nordamerika oder Europa. „Außerdem kommen die Flugzeuge vom Design beim Kunden an“, sagt Joseph Nadal von JP Morgan.

Leichten Aufwind spürt Embraer im Verteidigungsmarkt: Die kolumbianische Regierung hat Aufklärungsflugzeuge geordert. Die brasilianische Luftwaffe will modernisieren. Rund 400 Mill. Dollar könnte das Unternehmen in diesem Segment 2007 umsetzen (rund acht Prozent des Gesamtumsatzes). Embraer beteiligt sich an weiteren Großausschreibungen in Indien und der Türkei.

Trotzdem drücken die hohen Investitionen in Entwicklung dieses Jahr die Margen. Im Vergleich zum Vorjahr erwartet JP Morgan, dass der Nettogewinn Embraers um sieben Prozent niedriger ausfallen könnte. Zumal einige Zulieferer, die nicht mit dem Tempo mithalten können, dem Flugzeugbauer inzwischen Probleme machen.

Nach Einschätzung der Investmentbank JP Morgan wird Embraer seine Lieferengpässe bis Anfang 2007 jedoch behoben haben und empfiehlt daher die Aktie zum Kauf. Das Kursziel beziffern die Analysten auf Sicht der nächsten zwölf Monate mit 45 Dollar. Die Aktie sei rund 14 Prozent billiger als vergleichbare Aktien aus der Branche. Für die Ratingagentur Moody’s ist das größte Risiko Embraers die Abhängigkeit von wenigen großen Kunden vor allem auf dem US-Flugmarkt, wo der Konzern mehr als die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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