Neuemission
Renren weckt Erinnerungen an Dotcom-Wahn

Die Anleger kennen kein Halten mehr, wenn es um die Aktien des chinesischen Facebook-Konkurrenten Renren.com geht. Das Papier ist hoffnungslos überzeichnet, trotz zahlreicher Warnzeichen.
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Peking Das chinesische Internetunternehmen Renren.com wird am Mittwoch in den USA bei seiner Erstnotiz für einen Teil seiner Aktien voraussichtlich mehr als 700 Millionen Dollar einspielen. Diese hohe Bewertung weckt Befürchtungen, dass die Anleger die Erfahrungen mit hohen Schwankungen von Technik-Aktien vergessen haben und sich hier auf spekulative Abenteuer einlassen.

Der Markt sieht den Gesamtwert des Facebook-Konkurrenten nach der gestrigen Preisfestsetzung beim rund 65-fachen seines Vorjahresumsatzes. Doch selbst das Erfolgsunternehmen Apple kommt nur auf das 3,5-fache Verhältnis von Umsatz zu Marktwert, Daimler als Vertreter der traditionellen Industrie erreicht das 0,7-fache. Noch ist völlig unklar, wie Renren mit seinen mageren Gewinnen eine solche Marktkapitalisierung rechtfertigen soll. Der Nachfrage nach dem Papier tut das jedoch keinen Abbruch.

Analysten erklären das Phänomen damit, dass Renren gleich zwei besonders gefragte Wachstumsthemen für  sich verbuchen kann: China und Sozialnetze. „Das Unternehmen befindet sich an der Schnittstelle zweier Trends“, sagt Nick Einhorn von Renaissance Capital. Weiterer Pluspunkt: Trotz hohem Anlegerinteresse ist bisher noch kein einheimisches Sozialnetz in Amerika an der Börse. Facebook zögert mit diesem Schritt und benötigt wohl  noch mindestens ein Jahr bis zur Erstnotiz. Der eher ernstere Konkurrent LinkedIn hat zumindest schon die Vorbereitungen begonnen.

Die Anleger ignorieren bei ihrem Engagement allerdings einige deutliche Minuspunkte, die das Renren-Papier aufweist. Bisher sehen die Gewinne sehr mäßig aus, außerdem hat das Unternehmen seinen Geschäftsplan vor dem Börsengang mehrfach revidiert. Dabei haben sich die aus China gemeldeten Zahlen zu Nutzerzahlen und Einnahmen mehrfach auf mysteriöse Weise verschoben. Dazu kommt eine besondere Unsicherheit des chinesischen Marktes: Die Regierung in Peking ist dafür berüchtigt, Sozialseiten zu zensieren und zu sperren, wenn es ihr gerade passt.

Ein weiterer Problempunkt ist jedoch - wie bei vielen China-Börsengängen in den USA - bereits die Anlageklasse selbst: Statt die komplette US-Börsenzulassung zu durchlaufen, nimmt Reren eine Abkürzung und bringt für einen Teil seiner Aktien so genannte American Depository Receipts (ADR) auf den US-Markt. Für jedes dieser Papiere ist bei der betreuenden Bank eine echte Renren-Aktie hinterlegt. Was die Anleger kaufen, ist letztlich nur ein Schatten der chinesischen Aktie - sie haben keine Mitspracherechte, zudem koppelt sich der Wert der ADRs oft von der Bewertung im jeweiligen Heimatland völlig ab.

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Renrens hart erkämpfter Erfolg in China

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