Stimmungsindikator „sentix“ zeigt, dass die Zuversicht der Anleger am Boden ist
Börsen trotzen dem Pessimismus

Experten halten weiter steigende Aktienkurse für möglich, gerade weil die Anleger schlechte Nachrichten überbewerten.

DÜSSELDORF. Börse besteht zu 90 % aus Psychologie, hat schon Altmeister André Kostolany festgestellt. Gemeint ist, dass harte Fundamentaldaten viel weniger Einfluss auf Kurse haben, als gemeinhin angenommen. So ist es zu erklären, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) nicht nach unten korrigiert, obwohl fundamental orientierte Analysten seit Wochen fast einhellig eine Schwächeperiode nach dem 60-prozentigen Kursanstieg innerhalb von nur fünf Monaten prophezeien. Weil inzwischen auch Investoren so pessimistisch wie selten zuvor eingestellt sind, müssten die Kurse eigentlich doch fallen.

Doch Experten warnen davor, die Skepsis im Markt falsch zu interpretieren. Trotz schlechter Nachrichten und geringer Zuversicht könnten die Aktienkurse weiter steigen. Das lässt sich mit Börsen-Psychologie einleuchtend erklären: Das hohe Maß an Pessimismus hindert den Markt daran, nachhaltig zu fallen. Denn jeder, der skeptisch ist und niedrigere Kurse erwartet, dürfte seine Positionen bereits abgestoßen haben und auf günstigere Einstiegskurse warten – demnach eher kauf- als verkaufswillig sein.

Der wöchentlich ermittelte Stimmungsindikator „sentix“ zeigt, dass die Zuversicht der Anleger am Boden ist: Auf Sicht von einem Monat rechnen nur 18 % der befragten Privatanleger mit steigenden Kursen im Dax, unter institutionellen Investoren erwarten gar nur 11 % eine weitere Aufwärtsbewegung. 43 % der Privaten und 54 % der Institutionellen rechnen hingegen mit einem Rückschlag. Der ebenfalls wöchentlich unter 150 Investoren ermittelte „Bull/Bear-Index“ von Deutscher Börse und cognitrend zeigt ein ähnliches Bild: Fast die Hälfte der Anleger rechnen hier mit fallenden Kursen; weniger als ein Drittel der Befragten optimistisch ist.

„Die Marktteilnehmer schauen zurzeit auf alles, was negativ ist und versuchen, den Dax herunter zu reden“, sagt Joachim Goldberg, Geschäftsführer von cognitrend. „Während positive Konjunkturdaten weitgehend ausgeblendet werden, rufen schlechte Nachrichten stets die große Skepsis hervor.“ Er erklärt sich dies mit der Positionierung der Anleger: Viele Investoren seien „short gegangen“, hätten also auf Verluste im Dax gesetzt, und wollten diese Entscheidung nun mit Argumenten untermauern.

Die Fixierung auf schlechte Nachrichten erhöht die Unsicherheit aber zusätzlich: „Die Masse der Anleger ist weiter sehr risikoscheu, da stecken die Erfahrungen der vergangenen Baisse noch in vielen Köpfen drin“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Viel Vertrauen könnte seiner Ansicht nach durch eine bessere Aufklärung der Anleger gewonnen werden. „Wer Anlagegrundsätze wie Streuung, Langfristigkeit oder die Gefahr von Aktienkäufen auf Kredit kennt, hat schon einmal eine gute Basis“, sagt Leven.

Joachim Goldberg rät vor allem zu mehr Anlagedisziplin: „Vor dem Aktienkauf sollten die Anlageziele und klare Verlustgrenzen definiert werden und diese später auch eingehalten werden. Außerdem sollten die Altbestände im Depot kritisch hinterfragt werden. Goldberg sieht auch die Bankberater in der Pflicht: „Mit mehr Service können die Banken den Anlegern Sicherheit geben“. Leider habe die Sparwelle bei manchen Banken das Gegenteil bewirkt, weil der Stellenabbau oft zu Lasten des Service gegangen sei.

Unsicherheit und Unkenntnis hemmen die Risikobereitschaft der Anleger: „Diejenigen, die zurzeit überhaupt Aktien kaufen, gehen ganz schnell wieder raus, sobald ein kleiner Gewinn entsteht“, hat Goldberg festgestellt. Damit verspielen die Aktionäre aber womöglich große Chancen. „Investoren, die langfristig ausgerichtet sind, sollten sich überlegen, ob sie jetzt Aktien kaufen, oder später, wenn der Dax tausend Punkte höher steht“, sagt Franz-Josef Leven. Allen Unkenrufen zum Trotz sieht er gute Chancen am Aktienmarkt: „Ich denke, wir haben das Gröbste überstanden.“

Damit steht er auf einer Seite mit Joachim Goldberg, der dem Dax kurzfristig eine Bewegung bis auf 3 570 und mittelfristig sogar bis auf 3 700 Punkte zutraut. Allerdings seien zuvor kleinere Rückschläge nötig: „Im Moment leidet der Markt darunter, dass sich viele Anleger scheuen, in der Spitze einzusteigen.“ Wenn der Dax auf 3 220 Prozent fallen sollte, sehe das Bild schon wieder ganz anders aus: „Spätestens dann werden diejenigen, die short gegangen sind, ihre Gewinne mitnehmen und am Markt für eine höhere Kauf-Nachfrage sorgen“, erwartet Goldberg.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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