Unerwartet gute Quartalsberichte
Sprudelnde Gewinne treiben US-Börsen auf Höchststände

Die US-Aktienmärkte gleichen dem Phönix aus der griechischen Mythologie. Das vogelgleiche Fabelwesen stürzte sich regelmäßig ins Feuer der Sonne, nur um sich dann mit frisch nachgewachsenen Flügeln in neue Höhen zu schwingen.

NEW YORK. Ähnlich markierte der US-Börsenindex Standard & Poor's 500 mit den 500 größten US-Aktien zuletzt mehrere neue Rekordstände seit Mitte 2001. Der lange, schmerzliche Kurssturz zwischen dem Frühjahr 2000 und Anfang 2003 ist an der Wall Street längst vergessen.

"Die Börsen sind derzeit stark von den Unternehmensgewinnen getrieben, und diese entwickeln sich bislang besser als erwartet", erklärt Henry McVey, US-Chefstratege der New Yorker Investmentbank Morgan Stanley, den Höhenflug. Dieser wird sich nach Ansicht der Experten weiter fortsetzen.

Nach einem schlechten Jahresstart legten die US-Börsen zuletzt kräftig zu. Neben dem breiten Marktindex S&P 500 erholten sich auch der technologielastige Nasdaq-Index und der Dow-Jones-Index der 30 Topwerte. Der Dow Jones nähert sich sogar seinem Allzeithoch bei 11 722 Punkten aus dem Jahr 2000, von dem das Kursbarometer nur noch knapp zehn Prozent entfernt ist. Der Nebenwerte-Index Russell 2000, der 2000 mittelständische US-Aktien enthält, erklomm kürzlich sogar ein neues Allzeithoch und ließ selbst die Höhen der Interneteuphorie der späten 90er-Jahre hinter sich.

Zwar steigen die Erträge der US-Unternehmen in diesem Jahr nicht mehr so schnell wie 2004. Doch nach Schätzung des Datendienstes Thomson Financial werden die US-Unternehmen am Ende der Berichtssaison für das zweite Quartal dieses Jahres ein Gewinnwachstum von 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr melden. Das liegt deutlich über den Schätzungen der Analysten zum Quartalsauftakt. Damit verspricht das zweite Quartal das achte hintereinander zu werden, in dem die Firmen im S&P-500-Index mit zweistelligen Wachstumsraten glänzen.

Von der Ertragsseite droht also derzeit keine Gefahr für die US-Börsen. Wie sieht es mit der Bewertung aus, der zweiten wichtigen Stellgröße für die Aktienkurse? Dhaval Joshi, Experte für globale Aktienmärkte von der französischen Bank Société Générale in London, hält die US-Aktien für preiswert. "Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der US-Börsen notiert nahe am niedrigsten Stand der vergangenen neun Jahre", sagt Joshi. Je niedriger das Verhältnis von Kursen zu Gewinnen liegt, desto billiger sind Aktien.

Andere Experten wie Finanzprofessor Robert Shiller von der US-Eliteuniversität Yale widersprechen. Shiller warnte in einem im Jahr 2000 veröffentlichten Bestseller vor der damaligen Spekulationsblase und sieht die vergangenen zehn Jahre als historische Ausnahme. Schaut man wie Shiller hundert statt nur zehn Jahre zurück, dann erscheint das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis der US-Börsen hoch.

Anlage-Experte Joshi nennt jedoch einen Grund, warum die Börsen heute eine höhere Bewertung verdienen: Seit Jahren steigt der Anteil der Firmengewinne am US-Bruttoinlandsprodukt. Das heißt, die Aktionäre kassieren heute einen größeren Anteil der gesamten Wertschöpfung, während Amerikas Arbeiter einen kleineren Anteil vom Kuchen erhalten. Dahinter steckt die Globalisierung, die für Lohndruck und steigende Gewinnmargen sorgt. "Die anhaltende Machtverschiebung zu Gunsten der Aktionäre rechtfertigt eine höhere Bewertung der US-Börsen", ist Joshi überzeugt. Und damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Denn die meisten Experten erwarten, dass der Börsen-Phönix an der Wall Street seinen Steigflug noch eine Weile fortsetzt.

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