Absicherungsprämien auf Ausfallrisiken
Hohe Refinanzierungkosten bedrohen US-Banken

Die Geldspritze der Notenbanken und die sich verdichtenden Spekulationen über Übernahmen der US-Investmentbank Morgan Stanley und der Bausparkassengruppe Washington Mutual haben gestern an den Kreditmärkten für etwas Erleichterung gesorgt. Dennoch spiegeln die Risikoaufschläge gerade der US-Investmentbanken wahre Horrorszenarien wider.

FRANKFURT. „Die Investoren fragen sich, warum es Investmentbanken wie Morgan Stanley und Goldman Sachs besser gehen sollte als Lehman Brothers“, sagt Jeroen van den Broek, Kreditstratege bei der niederländischen ING. Im Zentrum stehe dabei die Frage, wie sich die Institute über den Kapitalmarkt refinanzieren können.

Besonders gut ablesen lässt sich die Doomsday-Stimmung an den Credit Default Swaps (CDS). Mit CDS sichern sich professionelle Anleger gehen den Zahlungsausfall von Forderungen ab. Dafür zahlen sie eine Prämie an die Investoren – Banken, Hedge-Fonds, Asset Manager und Versicherer – die den Ausfallschatz anbieten. Diese Prämien sind seit dem Insolvenzantrag von Lehman Brothers Anfang der Woche dramatisch in die Höhe geschnellt.

Um sich gegen einen Zahlungsausfall von Forderungen gegen Morgan Stanley zu versichern, zahlten Investoren gestern am späten Nachmittag 930 Basispunkte, das entspricht bei einer Absicherung von zehn Mill. Dollar 930 000 Dollar. Binnen einer Woche haben sich die Risikoprämien mehr als verdreifacht. Die Kosten für die Absicherung von Goldman-Sachs-Risiken sind um fast das Dreifache auf 590 Basispunkte in die Höhe geschnellt. Vor einem Jahr mussten Investoren für die Absicherung von zehn Mill. Dollar bei beiden Häusern jeweils nur um die 50 000 Dollar zahlen.

Die gestiegenen Risikoprämien bedeuten, dass sich Banken nur noch sehr teuer über den Kapitalmarkt refinanzieren können. „Mittelfristig hätten sie mit diesen hohen Prämien keine Überlebenschance“, urteilt Tim Brunne, Kreditstratege bei Unicredit. Dabei seien die Risikoprämien ein Ausdruck immenser Unsicherheit. „Insgesamt gehen die Investoren an den Kreditmärkten davon aus, dass die gravierenden Umwälzungen an den Finanzmärkten einen drastischen Konjunktureinbruch, eine Kreditklemme und in der Folge auch steigende Zahlungsausfälle bei den Unternehmen abseits der Finanzbranche nach sich ziehen werden“, sagt Brunne. Dabei zeichneten die Kreditmärkte ein wesentlich düsteres Bild als die Aktienmärkte. Die hohen Risikoprämien seien kein gutes Signal für die Aktienmärkte.

In Europa ist die Lage nicht ganz so dramatisch. Die CDS-Prämien sind zwar ebenfalls gestiegen, liegen aber gemessen am i-Traxx-Financial-Index für Kreditrisiken von 25 europäischen Banken und Versicherern deutlich unter den US-Niveaus. Die Absicherung eines zehn Mill. Euro Portfolios auf den i-Traxx-Financial kostete gestern 131 000 Euro und damit 37 000 Euro mehr als Ende vergangener Woche. „Die gestiegenen Refinanzierungskosten sind aber für alle Finanzinstitute und auch andere Unternehmen ein Problem“, warnt ING-Mann van den Broek.

Die Umsätze in CDS-Kontrakten sind laut Händlern gering. Nur wenige Investoren seien angesichts der Risikofurcht bereit, Versicherungsschutz mittels CDS anzubieten. Die Lage wird dadurch verschärft, dass die Sicherungskontrakte, die Investoren mit Lehman Brothers abgeschlossen haben, wertlos sind. Entsprechend werden neue Anbieter gesucht.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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