Bundesanleihen
Kurzläufer sind gefragt

Zweijährige Bundesanleihen rentieren mit 1,06 Prozent so niedrig wie noch nie. Experten halten es jedoch für möglich, dass die zweijährige Bund-Rendite sogar kurzfristig unter die Marke von einem Prozent fällt. Als Hauptgrund sehen Strategen die Politik der Europäischen Zentralbank.

FRANKFURT. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen ist gestern auf ein neues Rekordtief gefallen. Am späten Nachmittag warfen die Papiere nur noch 1,06 Prozent Rendite ab. Zinsstrategen wie Kornelius Purps von Unicredit und Christoph Rieger von der Commerzbank können sich vorstellen, dass die zweijährige Bund-Rendite kurzzeitig sogar unter die Marke von einem Prozent fällt. Mit etwas höheren Renditen rechnen sie - wie auch die Volkswirte bei den meisten Banken - gegen Ende des Jahres.

Dass die Kurse der sicheren Bundesanleihen zuletzt weiter gestiegen und im Umkehrschluss die Renditen gesunken sind, ist auf den ersten Blick erstaunlich. Schließlich hat sich die Furcht vor einer nachhaltigen Rezession verringert. Stimmungsumfragen unter Unternehmen wie der Ifo-Index signalisieren eine zumindest moderate Erholung der Wirtschaft. Zudem sind riskante Anlageklassen wie Aktien oder Junk-Bonds bei Investoren ebenfalls gefragt. "Gemessen an den wirtschaftlichen Daten ist das Renditeniveau der zweijährigen und auch der länger laufenden Bundesanleihen zu niedrig", meint Purps von Unicredit.

Als Hauptgrund für die gesunkenen Renditen der Bundesanleihen sehen Strategen die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die europäischen Währungshüter haben in der vergangenen Woche die Leitzinsen unverändert auf dem seit Mai geltenden historisch niedrigen Niveau von einem Prozent gelassen. Laut Rieger von der Commerzbank lassen unter anderem die niedrigen Prognosen der EZB für das Wachstum darauf schließen, dass die Leitzinsen noch lange Zeit niedrig bleiben werden. Auch die Volkswirte von zum Beispiel Unicredit, Dekabank, DZ Bank und Landesbank Baden-Württemberg rechnen damit, dass die Leitzinsen bis weit in das nächste Jahr hinein unverändert niedrig bleiben werden.

Als wichtiger Grund für die niedrigen Renditen der kurzlaufenden Bundesanleihen gilt zudem, dass die EZB den Banken viel Geld günstig zur Verfügung stellt. So wird sie den Banken Ende des Monats erneut für zwölf Monate zum Zins von einem Prozent unbegrenzt Geld leihen. Beim ersten dieser sogenannten Zwölf-Monatstender Ende Juni hatte die EZB den Banken bereits 442 Mrd. Euro zum Zinssatz von einem Prozent - und damit ebenfalls ohne Aufschlag zum Leitzins - zugeteilt. "Dieses Geld legen die Banken zumindest zum Teil in Bundesanleihen an", erklärt Purps. Dabei sei die Mittelbeschaffung bei der EZB und Anlage in Staatstiteln zwar keine außerordentlich profitable, aber sichere Strategie. Davon profitierten nicht nur kurz sondern auch länger laufende Bundesanleihen. So ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe seit Anfang Juni von ihrem Jahreshoch von gut 3,72 auf zuletzt 3,24 Prozent gefallen.

In den USA liegen die Renditen zweijähriger Staatspapiere schon seit dem vergangenen November unter einem Prozent. Ihr Tief markierten sie Mitte Dezember bei 0,65 Prozent und sind seither wieder auf 0,93 Prozent gestiegen. Die US-Notenbank hatte die Leitzinsen im Dezember auf eine Spanne von null bis 0,25 Prozent gesenkt. Damit liegt auch der US-Schlüsselzins auf einem historisch niedrigen Niveau. Gleichzeitig kaufen die amerikanischen Währungshüter unter anderem US-Staatsanleihen. "Anders als im Euro-Raum gibt es in den USA kaum noch Fantasie für weitere Maßnahmen, die den Markt stützen könnten", meint Rieger.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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