Europäische Staatsanleihen
„Die Zinswende auszurufen wäre verfrüht“

Die Kurse für Bundesanleihen sind weiter eingebrochen, die Renditen schießen in die Höhe. Ist damit die Trendwende für Anleihezinsen in Europa gekommen? Anleiheprofis sind geteilter Ansicht. Was sie Anlegern jetzt raten.
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DüsseldorfDie Nervosität am Markt für Staatsanleihen ist zurück: Nach einer Erholung zum Ende der vergangenen Woche, sind die Kurse der zehnjährigen Bundesanleihe am Dienstag wieder eingebrochen, auf bis zu 97,74. Umgekehrt schoss die Rendite zwischenzeitlich auf bis auf 0,74 Prozent in die Höhe. Wer jetzt kauft, bekommt also wieder deutlich mehr für sichere Staatspapiere. Deutschland ist damit kein Einzelfall. Im ganzen Euro-Raum – und auch in den USA – haben in den vergangenen drei Wochen die Renditen für langlaufende Anleihen angezogen.

Offenbar ist ein nicht zu vernachlässigbarer Anteil der Anleger derzeit der Ansicht, dass es schon bald höhere Zinsen auf Anleihen geben könnte. Sie spekulieren darauf, dass das generelle Zinsniveau steigt und damit bald Anleihen mit einem höheren Kupon auf den Markt kommen. Ihre aktuellen Bestände mit niedrigem Zinskupon stoßen sie daher ab. Auch hauptberufliche Spekulanten dürften ihre Finger im aktuellen Renditepoker bei Staatsanleihen mit im Spiel haben, für den Kurssturz also mitverantwortlich sein.

Es würde aber zu weit gehen, zu sagen, dass die „Zinswende“ in Europa damit bereits in vollem Gange ist. Denn fraglich bleibt, ob Marktteilnehmer ihre Erwartungen auf steigende Zinsen auch über die nächsten Monate aufrechterhalten. Entscheidend ist dabei, was die Akteure über die weitere Entwicklung der Inflation in der Euro-Zone denken. Entscheidend ist, ob die ultralockere Geldpolitik, die Mario Draghi nunmehr seit März durchsetzt, endlich greift.

Zuletzt hat die Kreditvergabe in der Euro-Zone tatsächlich wieder zugenommen. Damit fließt mehr Geld in die Realwirtschaft und die Chance auf steigende Verbraucherpreise nimmt zu. Die jüngsten Inflationsdaten spiegeln diese Entwicklung bereits zum Teil. Jeweils verglichen mit dem jeweiligen Vorjahresmonat, hat die Inflation in Deutschland seit Februar zugelegt. Zuletzt waren die Verbraucherpreise im April um 0,4 Prozent im Vergleich zu 2014 gestiegen. In der gesamten Euro-Zone steigen die Verbraucherpreise jedoch bislang nicht. Für April schätzen Experten der europäischen Statistikbehörde Eurostat die Inflation auf 0,0 Prozent – nachdem die Preise zuvor im Vorjahresvergleich stets gefallen waren.

In einer Umfrage hat das Handelsblatt bei den führenden Anlageprofis und Anleiheexperten in Deutschland nachgefragt, wie sie die Situation einschätzen. Wie konnte es zum Kurseinbruch bei deutschen und europäischen Staatsanleihen kommen? Eigentlich gibt es doch mit der Europäischen Zentralbank gerade mehr als genug Nachfrager für die Anlageklasse. Ist die Trendwende bei den Anleihezinsen in Europa vollzogen – obwohl die EZB die ultralockere Geldpolitik weiterbetreibt und für 60 Milliarden Euro jeden Monat Staatsanleihen aufkauft?

Wann denn nun die Zinswende in Europa kommt, ist eine Frage, die besonders viele Anleger umtreibt. Noch einmal mehr, weil darüber hinaus aktuell auch Aktienmärkte zurücksetzen. Bei Dax und Co. findet gerade eine deutliche Korrektur statt. Das Handelsblatt hat Anlageprofis also gefragt, wie das zusammenpasst. Wie kann es sein, dass Investoren – atypisch – aus Anleihen und Aktien gleichzeitig flüchten? Und welche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass der Euro dank schwacher Wirtschaftsdaten in den USA zuletzt wieder zugelegt hat?

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wie der erfolgreiche Dachfondsmanager Eckhard Sauren, Rentenfondsmanager des US-Investmenthauses Fidelity David Simner und die Rentenexperten Oliver Eichmann (Deutsche Asset & Wealth Management), Christoph Rieger (Commerzbank), Kornelius Purps (Unicredit) und Ralf Ahrens (Frankfurt-Trust) die Lage einschätzen.

Kommentare zu " Europäische Staatsanleihen: „Die Zinswende auszurufen wäre verfrüht“"

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  • Die Risiken nehmen einfach zu und die EZB nimmt diese ab. Nach den neuen Anleihebedingungen kann der Staatsschuldner seine Schuld reduzieren, was kein Investor so einfach hinnimmt, wenn er nicht muss. Da sind kleine Kursverluste besser als große. Anleihen bieten in Zukunft weder Sicherheit noch Rendite. Es gibt bessere Anlagemöglichkeiten als sich schleichend enteignen zu lassen. Tatsächlich wird es vor allem Lebensversicherte und Kapitalrenten treffen, wobei bereits die gesetzliche Möglichkeit für die Versicherer besteht, ihre Verpflichtungen im Falle drohender Pleiten (als Folge von Staatspleiten) zu reduzieren.

  • ""die Renditen schießen in die Höhe"" werden wir hier vom HB verkohlt oder sollen wir darüber lachen?!
    Ein Rückkehr zur Vernunft ist es, mehr nicht, das bedeutet nur dass es keine Idioten mehr gibt die bereit sind Newgativzinsen für Bundesanleihen zu akzptieren..

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