Flucht in sichere Bonds
Öffentliche Banken erwarten niedrigen Zins

Die dem Bundesverband öffentlicher Banken (VÖB) angehörenden Institute rechnen damit, dass die zehnjährige Bundesanleihe auf absehbare Zeit nur relativ wenig Rendite abwerfen wird.

FRANKFURT. Gestern markierte die zehnjährige Bund-Rendite, die als Maßstab für die Entwicklung der langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum gilt, mit gut 3,3 Prozent ein Jahrestief. Drei der sieben vom VÖB befragten Banken erwarten, dass die Rendite auch in sechs Monaten mit 3,2 bis 3,5 Prozent auf ähnlichem Niveau rentieren wird. Nur die NordLB und die HSH Nordbank erwarten mit Halbjahresprognosen von 3,7 und vier Prozent eine leicht höhere Effektivverzinsung der zehnjährigen Bundesanleihe.

Der VÖB befragt seit 13 Jahren alle sechs Monate einen ausgewählten Kreis seiner Mitglieder zu ihren Zinsprognosen. Bei der letzten Vorstellung im Mai lagen die Banken mit ihren Vorhersagen gründlich daneben und erwarteten auf Sechs-Monatssicht allesamt eine zehnjährige Bund-Rendite von mehr als vier Prozent. Im Sommer stieg die Rendite zwar angesichts kurzfristig besserer Konjunkturdaten und der zeitweise hohen Inflationsraten auf bis zu 4,7 Prozent, sackte danach aber ab. Seit der Zuspitzung der Bankenkrise nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers Mitte September ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe mehr oder weniger kontinuierlich zurückgegangen.

Bis zur Lehman-Insolvenz habe es quasi zwei Parallel-Universen gegeben, nämlich die Krise im Finanzsektor und den davon relativ unbetroffenen Industriesektor, sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Mit Lehman seien diese Welten dann aufeinander geprallt.

Die Folgen - die Rezession - werde die Märkte noch länger beschäftigen, meinte Kater. Er erwartet aber, wie auch andere Volkswirte der VÖB-Runde, dass die Programme zur Ankurbelung der Konjunktur bis Mitte nächsten Jahres ihre Wirkung zeigen werden. Bis dahin sollten die Kapitalmarktzinsen noch niedrig bleiben. Torge Middendorf von der WestLB rechnet sogar damit, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe kurzfristig unter die Marke von drei Prozent - ihr historisches Tief aus dem Herbst 2005 - fallen wird. "Der Höhepunkt der Finanzkrise dürfte überschritten sein, aber der konjunkturelle Einbruch kann zunächst nicht mehr verhindert werden", sagte Middendorf

Tilo Wendler vom VÖB sieht zwar nicht explizit eine Jahresendrally bei Staatsanleihen - also steigende Kurse und sinkende Renditen - geht aber davon aus, dass die Rezessionsängste die Investoren noch weiter in die sicheren Häfen der Staatsanleihen treiben wird, deren Ausfallrisiko als vernachlässigenswert angesehen wird.

Die Volkswirte stützen ihre Prognosen für die Kapitalmarktzinsen auch darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzins von derzeit 3,25 Prozent auf zwei Prozent oder noch niedriger senken wird.

Etwas gebremst werden dürfte der Renditerückgang nach Meinung der Volkswirte dadurch, dass die staatlichen Konjunkturprogramme vor allem durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen finanziert werden. Dies betreffe vor allem die USA aber auch den Euro-Raum. Zudem bekämen Staatsanleihen durch die neuen Anleihen von Banken Konkurrenz, die von den Staaten im Rahmen der Rettungsprogramme garantiert würden, betonte Torsten Windels von der NordLB. Das erwartet auch Dirk Gojny von der HSH-Nordbank: Staatsanleihen hätten bislang keine Konkurrenz als sichere Anlagen gehabt, dies werde sich ändern.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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