Folge der Kreditkrise
Weltweiter Zinsmaßstab gerät unter Verdacht

Die Kreditkrise erschüttert viele Gewissheiten. Jetzt ist einer der wichtigsten Leitwerte der Finanzwelt unter Verdacht geraten. Der britische Bankenverband hat wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit der Berechnung der London Interbank Offered Rate (Libor) eine Untersuchung eingeleitet. Ähnlich skeptisch sehen viele Banker das europäische Äquivalent Euribor.

LONDON. Libor und Euribor sind die Sätze, zu denen sich Banken gegenseitig Geld leihen, für einen Tag bis zu einem Jahr. Die täglich berechneten Zinsen sind einer der wichtigsten Eckwerte der Finanzwelt: Sie dienen als Basis für die Bewertung fast aller Zinsgeschäfte vom komplexen Derivat bis zum Ratenkredit.

Obwohl Libor und Euribor wegen der Krise bereits drastisch gestiegen sind, fürchten viele Banker, dass der Wert bei der täglichen Berechnung systematisch zu niedrig angesetzt wird. Sollte sich der Verdacht bestätigen, und die Richtsätze dadurch weiter steigen, könnte das die Liquiditätsprobleme vieler Banken verschärfen.

Die Berechnung von Libor und Euribor beruht auf einer Umfrage unter Großbanken, die täglich melden wie viel sie für Darlehen für 15 verschiedene Laufzeiten in unterschiedlichen Währungen wie Euro, Pfund oder Dollar bezahlen. Normalerweise liegen die Libor- und Euriborsätze für Tagesgeld nur wenige Basispunkte über den Leitzinsen der Notenbanken. Doch wegen der Kreditkrise wurden die Banken untereinander so misstrauisch, dass sie sich kaum noch Geld leihen wollten; die Richtsätze stiegen auf den höchsten Stand seit zehn Jahren.

"Das Problem ist, dass Libor und Euribor kaum mehr auf tatsächlichen Geschäften basieren", sagt Kornelius Purps, Zinsstratege bei Unicredit. Dadurch hätten die Richtwerte an Glaubwürdigkeit verloren. In den vergangenen Wochen kam in Großbritannien zudem der Verdacht auf, dass einige Banken einen zu niedrigen Satz bei der Umfrage nennen. Dahinter steckt folgende Logik: Wenn die Banken selbst neue Kredite aufnehmen oder Anleihen begeben gelten Libor oder Euribor als Grundlage. Bei einem niedrigeren Richtsatz müssen die Institute entsprechend weniger Zinsen für eigene Kredite zahlen.

Beim britischen Bankenverband, der für die Berechnung des Libor zuständig ist, hieß es, dass man bislang keine Indizien für eine systematische Verzerrung habe. Aber der Verband räumte ein, dass er die jährliche Überprüfung der Libor-Berechnung wegen der Spekulationen vorgezogen habe.Die Banker denken auf jeden Fall bereits über Alternativen nach. Als Ersatz für den Libor könnte der Overnight Index Swap (OIS) dienen. Er gibt an, zu welchem Satz Banken untereinander variable Zinssätze in feste Tagesgeldsätze tauschen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%