Kreditausfallversicherungen
Große Debatte um wenig griechische Derivate

Führt eine freiwillige Umschuldung in Athen zu neuen Problemen an den CDS-Märkten? Nein, sagen Experten. Die aufgeregte Debatte um diese Frage ist für viele Fachleute nicht nachvollziehbar.
  • 1

FrankfurtKreditereignis ist ein technisches Wort aus der komplizierten Welt der Derivate, das nicht zum Grundvokabular von Politikern gehört. Dennoch nahmen es zuletzt Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ganz selbstverständlich in den Mund. Beide betonten, ein "Kreditereignis" müsse bei Griechenland vermieden werden.

Was die Politiker damit meinen, beschäftigt Investoren an den Anleihemärkten seit langem. Es geht darum, ob eine freiwillige Umschuldung Griechenlands bei Kreditausfallversicherungen, sogenannten Credit Default Swaps (CDS), eine Lawine von Zahlungen auslösen und für neue Verwerfungen an den Märkten sorgen würde. Der Derivateverband ISDA, der entscheidet, ob Zahlungen aus CDS-Verträgen fällig werden, will sich dazu nicht äußern. Analysten haben sich aber eine Meinung gebildet, und die lautet: Nein.

Bei der freiwilligen Umschuldung, die Jean-Claude Juncker, Chef der Gruppe der Euro-Finanzminister, "Reprofiling" nennt, soll Griechenland Anlegern anbieten, ihre Anleihen in neue Bonds mit längerer Laufzeit zu tauschen. So bekäme Athen mehr Zeit, seine desolate Haushaltslage in den Griff zu bekommen.

Bei einem Kreditereignis bekommen Investoren, die sich mittels der CDS vor einem Zahlungsausfall abgesichert haben, vom Vertragspartner - meist Banken, Versicherungen, Hedge-Fonds oder Publikumsfonds - ihren Schaden ersetzt. Dabei gilt eine Umschuldung zwar als Kreditereignis, aber: "Wenn die Gläubiger nicht gezwungen werden, daran teilzunehmen, werden auch keine Zahlungen für CDS fällig", ist Tim Brunne, Kreditstratege bei der Unicredit sicher. Auch Gavan Nolan, Analyst beim Informationsdienst Markit, der zahlreiche Daten zu CDS-Preisen anbietet, bleibt gelassen: "Die Regeln sind klar: Eine nicht verbindliche Umschuldung hat keine Folgen für den CDS-Markt."

Ein weiteres Argument hat ein Jurist einer internationalen Anwaltskanzlei: "Es geht bei den Vorschlägen darum, dass die Gläubiger neue griechische Anleihen mit längeren Laufzeiten bekommen. An den Verträgen für die ausstehenden Bonds ändert sich nichts." Von daher gebe es keinen Grund für Ausgleichzahlungen bei CDS. Die Tatsache, dass die großen Ratingagenturen angekündigt haben, Griechenland auch bei einer freiwilligen Umschuldung als zahlungsunfähig zu brandmarken, spielt laut Analysten für die Kreditderivate keine Rolle, hat die Unsicherheit aber verstärkt.

Wirklich nachvollziehen können Fachleute aus der Finanzwelt die aufgeregte Debatte nicht. Der Grund: Es geht um vergleichsweise wenig Geld. Nach Angaben des US-Abwicklungshauses DTCC stehen derzeit netto nur CDS auf griechische Bonds über rund 5,3 Milliarden Dollar aus, das entspricht nur rund zwei Prozent aller ausstehenden griechischen Staatsanleihen.

"Die 5,3 Milliarden Dollar wären in etwa die Summe, die wirtschaftlich auf dem Spiel steht, also das, was Investoren, die Versicherungsschutz auf Griechenland anbieten, im schlimmsten Fall tatsächlich zahlen müssen", meint Brunne von der Unicredit. Ökonomisch sei dies nicht relevant und die Debatte ein "Nebenkriegsschauplatz".

Politiker sind mit Blick auf Kreditderivate aber schon lange misstrauisch und wollen verhindern, dass zum Beispiel Hedge-Fonds von der Misere um Griechenland noch stärker profitieren. Gewinne machen können Spekulanten mit Griechen-CDS schon jetzt, vor allem, wenn sie keine griechischen Staatsanleihen halten. Das funktioniert, wenn die Risikoprämien steigen und die Spekulanten ihren Versicherungsschutz teuer weiterverkaufen. Verboten sind solche Wetten auf Staatspleiten aber nur in Deutschland.


Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

Kommentare zu " Kreditausfallversicherungen: Große Debatte um wenig griechische Derivate"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Politik ist auf einem guten Weg, durch ihr sinnloses Festhalten an der Chaoswährung Euro, ganz Europa politisch in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Bereits jetzt warnt der CIA in Griechenland vor gewaltsamen und blutigen Volksaufständen, in den Niederlanden, Dänemarck und in Österreich erfahren rechte und nationalistische Kreise einen erdrutschartigen Zulauf. In Finnlnd triumphieren die Euroskeptiker "Wahre Finnen". In Spanien rebelliert die Jugend - die Parteien zerfleischen sich. - Ob die Abwicklung des unseeligen Euros teuer oder noch teurer ist, ist langsam Nebensache. Wir zerstören gerade mit dem Festhalten an diesem Hirngespinst 50 Jahre politische Einigung und Frieden auf unserem Kontinent. Wollen wir im Krieg der Nationen enden??? Weimar hat es uns vorgemacht: Verelendung, Streit, Missgunst, Nationalismus und am Ende Krieg. Nicht noch mehr Rettungsschirm brauchen wir, sondern ehrliche und mutige Politiker, die diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Aufhören!!! Ich möchte auch weiterhin mit meinen Nachbarländern in Freiden leben!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%