Niedrige Zinsen locken Investoren – Finanzdienstleister verbessern Eigenkapitalausstattung
Banken machen gute Geschäfte mit nachrangigen Anleihen

Auf die europäischen Anleihemärkte rollt eine Welle von nachrangigen Emissionen, so genannter Tier-1-Anleihen von Banken und Versicherungen zu. „Die Marktbedingungen sind günstig. Wir werden in Kürze nach uns noch mehrere andere europäische Finanzdienstleister sehen, die dies nutzen werden, um ihre Eigenkapitalposition zu verbessern,“ sagt Michael Reuther, Leiter der Abteilung Funding & Liquiditätsmanagementder Deutschen Bank.

FRANKFURT/M. UBS Warburg schätzt, dass Unternehmen 2003 Tier-1-Anleihen über mehr als 40 Mrd. € aufnehmen werden. Das sind rund 30 % mehr als ein Jahr zuvor. Nach einer Studie der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom August ist der Markt für nachrangige Anleihen in der Eurozone doppelt so groß wie in den USA.

Einen genauen Zeitplan für die erwarteten Emissionen gibt es nicht. „Das ist oftmals eine Entscheidung von heute auf die nächste Woche“, sagt Matthias Mosler, Deutschland-Chef von Merrill Lynch. Die beiden jüngsten Emissionen kamen von der Deutschen Bank und Zurich Financial Services. Deutschlands Nummer eins stockte Anfang September mit einer nachrangigen Anleihe über 1 Mrd. € ihre Kernkapitalquote um 1,2 Prozentpunkte auf. Danach folgte die bereits im Frühjahr angekündigte Tier-1-Anleihe von Zurich Financial Services, die mit 1,2 Mrd. $ aber deutlich höher ausfiel als von Finanzvorstand Patrik O’ Sullivan zunächst geplant. Bereits im Frühjahr hat die Münchener Rück die Finanzmärkte mit einer nachrangigen Anleihe über 3 Mrd. € angezapft. Profiteure der Entwicklung sind die begleitenden Banken wie UBS, Barclays Capital und Deutsche Bank, bei denen die Gebühren die Kasse klingeln lassen.

Die Finanzinstitute besorgen sich derzeit verstärkt Geld über Hybridkapital, da sie die aktuell niedrigen Zinsen nutzen wollen. Durch die Ausgabe neuer, niedrig verzinster Bonds können die Institute ihre Kapitalkosten im gewichteten Durchschnitt senken. Zudem nutzen Banken und andere Finanzdienstleister Tier-1-Anleihen um ihre Kernkapitalquoten schnell zu verbessern. Der Hintergrund: Die Institute müssen einen Teil ihrer Kredite mit Eigenkapital unterlegen. Derzeit liegt der Satz noch pauschal bei 8 %, mit Einführung der neuen Eigenkapitalgrundsätze, Basel II genannt, richten sich die Eigenkapitalanforderungen künftig nach der Bonität des Schuldners. Mosler bezeichnet Hybridkapital aber lediglich als eine „wichtige ergänzende und flankierende Maßnahme für Banken mit Blick auf die Anrechnung durch die Ratingagenturen; aufsichtsrechtlich gesehen ist es für sie Kernkapital.“ Zum Kernkapital zählen die Anleihen nach den BIZ-Regeln nur, wenn die Laufzeit mindestens zehn Jahre beträgt. Ratingagenturen akzeptieren nachrangige Anleihen als Kernkapital bei den Finanzinstituten, wenn der Anteil am gesamten Kapital 15 % nicht überschreitet.

„ Für Versicherungen, die ihre Eigenkapitalquoten stärker nach den Anforderungen der Ratingagenturen ausrichten, ist Hybridkapital die kostengünstigste, aber auf ein gewisses Volumen beschränkte Variante an Eigenkapital", sagt Mosler. Eine echte Kapitalklemme könne damit nicht bereinigt werden. „Dann bedarf es einer Kapitalerhöhung.“

Ein Vorteil des Hybridkapitals gegenüber einer Kapitalerhöhung ist es, dass die Aktien nicht verwässert werden. Außerdem: „Nachrangige Anleihen haben auf Grund ihrer steuerlichen Behandlung eine deutlich höhere Attraktivität für ausländische Investoren als Genussscheinkapital. Somit besteht für die Emittenten die Chance, ihre internationale Investorenbasis deutlich zu verbreitern“, sagt Günter Gleumes von der Citigroup in Deutschland.

Internationale Investoren warten offenbar auf Kaufgelegenheiten. Über den Sommer verteilt gab es sehr wenige nachrangige Anleiheemissionen; der Markt ist ausgetrocknet. „Institutionelle Investoren in Europa leiden unter dem derzeitigen niedrigen Zinsniveau. Sie suchen höher rentierliche Anlagen“, sagt Gleumes. Der Grund: Mit Staatsanleihen ist wenig Staat zu machen. Die Zinsaufschläge von Unternehmensbonds zu Bundestiteln sind herunter gekommen, bei Corporate Anleihen der spekulativen Investmentklasse liegen die Renditen auf einem vergleichbar hohen Niveau wie bei nachrangigen Bonds.

„Starkes Interesse für hybrides Kapital ist vor allem in Europa und den USA zu beobachten“, sagt Gleumes von der Citigroup. Experten werten gerade die Emission der Deutschen Bank als gutes Zeichen. „Es ist wieder mehr Vertrauen in die deutschen Finanzdienstleister da“, so ein Banker. Noch vor einem halben Jahr wäre die Anleiheemission schwierig gewesen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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