US-Hypothekenkrise
Ratingagenturen erneut unter Beschuss

Asienkrise, Enron, General Motors und Ford: In all diesen Fällen waren Ratingagenturen heftig dafür gescholten worden, dass sie Investoren zu spät auf Risiken aufmerksam gemacht hatten. Die späte Reaktion von Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s auf die Hypothekenkrise in den USA hat die Kritik an den Kreditwächtern neu entfacht.

NEW YORK. „Warum erst jetzt?", fragte Hedge-Fonds-Manager Steve Eisman von Frontpoint Partners, als S&P erstmals am Dienstagabend vor den wachsenden Risiken von Anleihen warnte, die mit Hypotheken finanzschwacher Kreditnehmer unterlegt sind. Die Probleme auf dem „Subprime-Markt“ seien doch seit Monaten bekannt.

Die Frage: „Warum erst jetzt“ verfolgt die Bonitätsprüfer schon seit den 90er-Jahren. Bereits während der Finanzkrise in Asien wurden die Kreditwächter heftig dafür gescholten, dass sie Investoren zu spät auf die Zeitbombe aufmerksam gemacht hatten. Der Bilanzskandal des Energiehändlers Enron stürzte Moody’s & Co in die nächste Krise. Obwohl Enron im Herbst 2001 schon mit dem Rücken zur Wand stand und der Aktienkurs auf drei Dollar gesunken war, bewerteten die Rating-Agenturen die Enron-Schulden immer noch mit dem Gütesiegel „Investment-Grade“. Ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses urteilte später, die Bonitätsprüfer hätten „ihre Sorgfaltspflicht verletzt“.

Eine Spätzündung der Kreditwächter gab es auch vor zwei Jahren, als die Anleihen von General Motors (GM) und Ford unter Druck gerieten. Obwohl die Bonds der Autokonzerne an den Kreditmärkten bereits im März 2005 mit hohen Risikozuschlägen gehandelt wurden, stuften die Rating-Agenturen die Papiere erst zwei Monate später auf den Status von „Schrottanleihen“ herunter.

Auch jetzt sind viele Investoren verärgert. „Sie haben einen schlechten Job gemacht", sagt Glenn Tongue, Manager beim New Yorker Hedge-Fonds T2 Partners mit Blick auf das Subprime-Debakel. Im US-Bundesstaat Ohio ermittelt Generalstaatsanwalt Marc Dann, ob die Rating-Agenturen ihre Pflichten gegenüber den Investoren verletzt haben. Der Wirtschaftsprofessor Joseph Mason von der Drexel University moniert, dass die Bonitätsprüfer ihre Kunden dabei beraten, wie sie ihre Schuldtitel verpacken sollen, um gut Noten zu bekommen. Das sei ein klarer Interessenkonflikt.

Viele Fachleute kritisieren auch, dass die Kreditwächter nicht von den Investoren bezahlt werden, sondern von jenen Kunden, deren Kreditprodukte sie bewerten. Moody’s & Co beharren jedoch darauf, dass ihr Geschäftsmodell keinen Einfluss auf die Kreditnoten habe. „Unsere Bewertung sagt nur die Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit voraus“, sagt Moody’s-Finanzchefin Linda Huber. „Wer auf den Finanzmärkten agiert, handelt auf eigenes Risiko.“

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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