Währungsturbulenzen
Türkei wird für Investoren immer riskanter

Korruption und anhaltende Demonstrationen schaden dem Ruf der Türkei. Investoren ziehen ihr Kapital ab. Doch zahlreiche Unternehmen halten dem Land trotzdem die Treue.
  • 1

London/WienKorruption, anhaltende Demonstrationen gegen die Regierung und eine unter Druck stehende Währung: Der Ruf des Standortes Türkei ist ramponiert. Dem mit einer Bestechungsaffäre konfrontierten Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bläst ein kalter Wind entgegen. Weil die US-Notenbank Fed ihre jahrelang lockere Geldpolitik langsam strafft, ziehen Investoren derzeit viel Geld aus der Türkei ab und legen es lieber in den USA an. Die Landeswährung Lira büßte dieses Jahr bereits vier Prozent an Wert ein.

Das hinterlässt Spuren bei zahlreichen Unternehmen. Unter anderem merken dies der US-Autoriese Ford und der deutsche Zulieferer ElringKlinger in ihren Werken in dem Schwellenland. Jedes ausländische Bauteil für die Montage in der Türkei verteuert sich mit der Lira-Abschwächung. Obwohl die Gewinne schmelzen und womöglich eine harte Landung der Wirtschaft droht, wollen sie dennoch dem Land die Treue halten.

Dahinter steht die Hoffnung, dass der Sturm bald wieder abzieht. "Wir beobachten die Lage, aber mittelfristig bleiben wir positiv gestimmt und investitionsbereit", versichert der Chef der italienischen Großbank UniCredit, Federico Ghizzoni. Ein rundes Dutzend Firmen, das Reuters befragte, sieht dies ähnlich und will die Investitionen nicht zurückschrauben. Dabei musste die Zentralbank in Ankara die Zinsen jüngst in einer Notoperation drastisch anheben, um die Folgen der Kapitalflucht zu mildern und die Landeswährung vor dem Absturz zu bewahren.

Einst schwärmte Siemens-Chef Joe Kaeser von der Türkei als einem tollen Standort. "Noch vor zwei Jahren hätte ich gesagt: Hier spielt die Musik." Nun seien die Aussichten aber unsicher. BASF reagiert auf die Lage mit einer Verschärfung des Risiko-Managements. Unter dem Eindruck der Währungsturbulenzen will der Ludwigshafener Chemie-Riese sein dort eingesetztes Kapital schärfer unter die Lupe nehmen - und etwa die Lagerhaltung vorsichtiger gestalten.

Die türkische Wirtschaft hatte zwischen 2002 und 2011 einen rasanten Aufstieg hingelegt. Sie stellte laut Angaben der staatlichen Agentur zur Investitionsförderung mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 5,2 Prozent im Jahr andere Schwellenländer wie Russland und Brasilien weit in den Schatten. Doch nun drohe eine harte Landung, meint Ökonom Fadi Hakura vom renommierten Londoner Forschungsinstitut Chatham House. Denn langfristig seien nur noch Wachstumsraten von zwei bis vier Prozent drin.

Das Schwellenland müsse den Regierungsapparat modernisieren, massiv Bürokratie abbauen und mehr in Bildung investieren, um den entscheidenden Schritt zum Industrieland zu schaffen, ergänzt der Forscher. Sollten nachhaltige Reformen auf die lange Bank geschoben werden, könnte das Land wieder als kranker Mann am Bosporus enden.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Währungsturbulenzen: Türkei wird für Investoren immer riskanter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.



  • Dabei lässt sich mit Billiglohn in Deutschland unter Leiharbeitergesetzen so billig produzieren.

    Türkei ist hier....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%