Betrugsskandal: Bernard Madoff Securities
Altanleger müssen zittern

Der Betrugsskandal um den früheren Nasdaq-Chef Bernard Madoff und seine Firma Bernard Madoff Securities trifft mehr Opfer als bekannt: Jetzt müssen auch Anleger zittern, die ihr Geld noch vor dem Kollaps aus dem inzwischen insolventen Unternehmen abgezogen haben.

FRANKFURT. Denn laut New Yorker Insolvenzrecht kann der Insolvenzverwalter Geld und Gewinne von ihnen zurückfordern – und zwar rückwirkend bis zu sechs Jahre.

Betroffen sind Altanleger, wie zum Beispiel reiche Privatpersonen, die ihr Kapital bei Madoff parkten und von den Zinsen lebten, aber auch Investoren wie Hedge-Fonds, die eine Weile die Rendite mitnahmen und dann ihr Geld abzogen. Denn sie profitierten unabsichtlich vom Lug und Trug der Wall-Street-Legende. Sie werden wohl zur Kasse gebeten. Denn laut Treuhänder Irving Picard, der das Brokerhaus Madoff auflösen soll, ist nicht genug Geld vorhanden, um die Forderungen der Opfer zu begleichen.

„In jedem Schneeballsystem gewinnen die Altinvestoren, ihre Rendite zahlen diejenigen, die frisches Geld zur Verfügung stellen. Und ziehen die Erstinvestoren ihr Kapital ab, wird auch das aus dem Geld der Neuanleger gezahlt“, sagt Tamar Frankel, Rechtsprofessorin an der Boston University, die über Schneeballsysteme forscht. „Anfangs muss die versprochene Rendite fließen, um neue Investoren anzulocken, sonst funktioniert ein Schneeballsystem nicht“, sagt sie.

Durchschnittlich zehn Prozent versprach Madoff Jahr für Jahr seinen Kunden – und zahlte mit frisch eingesammeltem Geld neuer Anleger . Als durch die Kreditkrise die Geldquellen versiegten, brachen Madoff und sein System zusammen. Madoff wurde verhaftet und steht unter Hausarrest.

Der Schaden wird auf bis zu 50 Mrd. Dollar geschätzt und gilt als größter Kapitalanlagebetrug aller Zeiten. Investoren haben bislang rund 25 Mrd. Dollar Verluste gemeldet. Wie viele Anleger tatsächlich betroffen sind, wissen die Ermittler noch nicht. Experten sprechen von mehr als 4000. Viele wussten wahrscheinlich noch nicht einmal, dass sie mit Madoff zu tun hatten, schätzen Experten. Doch die Verbindung könnte sie teuer zu stehen kommen. „Claw back“ heißt das Verfahren, mit dem laut Insolvenzrecht des Staates New York nicht nur Gewinne sondern auch eingesetztes Kapital aus einem Schneeballsystem in die Insolvenzmasse gezogen werden dürfen.

„Seit dem Bayou-Urteil hat sich die Lage noch einmal deutlich verschärft“, sagt Philip Bentley, Rechtsanwalt bei der New Yorker Kanzlei Kramer, Levin, Naftalis&Frankel. Der Hedge-Fonds Bayou brach 2005 zusammen und entpuppte sich ebenfalls als Schneeballsystem. Schaden für die Anleger: rund 450 Mio. Dollar.

Doch zur Kasse gebeten wurden auch diejenigen , die noch vor dem Kollaps ausgestiegen waren. Einige mussten nicht nur ihre Gewinne, sondern auch ihr eingesetztes Kapital oder Teile davon an den Insolvenzverwalter überweisen – weil sie „vermutet haben oder vermutet haben müssten“, dass Bayou ein Schneeballsystem war und sie deshalb ausstiegen, entschied das New Yorker Insolvenzgericht Anfang des Jahres.

Rund 200 Altinvestoren hatte der Insolvenzverwalter verklagt, Anwalt Bentley vertrat 70. Seine Mandanten verglichen sich und zahlten sämtliche Gewinne sowie ein Drittel ihrer Einlage an den Insolvenzverwalter. Aber immer noch laufen Verfahren, in denen Anleger um ihr Geld kämpfen. „Wer nicht eindeutig beweisen kann, dass er sein Geld aus anderen Gründen als einem Betrugsverdacht abzog, hat Pech gehabt“, sagt Eric Finseth, ehemaliger Mitarbeiter der SEC und heute Anwalt bei der Kanzlei Mayer Brown.

Bayou gilt als Präzedenzfall für den Madoff-Skandal und als bislang größtes Schneeballsystem in den USA. „Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir beim Fall Madoff zu erwarten haben: Die Klagen des Insolvenzverwalters werden sich über Jahre hinziehen“, prophezeit Anwalt Bentley.

Zittern müssen auch die deutschen Anleger. „US-Insolvenzen werden in Deutschland anerkannt, damit gilt amerikanisches Zugriffsrecht“, sagt Anwältin Annerose Tashiro von der Kanzlei Schultze&Braun. Die Kanzlei stellt den Insolvenzverwalter in einem der größten deutschen Fälle von Kapitalanlagebetrug um den Optionshändler Phoenix – ebenfalls ein Schneeballsystem. In Deutschland greifen Insolvenzverwalter bislang nur auf Gewinne und Ausschüttungen der Altanleger zu. „Das amerikanische Recht greift da viel weiter. Da geht es dann nicht nur um Einlagen, da werden wohl auch Hedge-Fonds und Banken, bei denen rechtzeitig abgezogenes Geld zwischengeparkt war, Post vom Madoff-Insolvenzverwalter kriegen“, sagt sie.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%