Börsen- und Finanzkrisen
Je teurer die Aktien, desto mehr werden sie gekauft

Seit der Manie um türkische Tulpen der Ostindischen Compagnie im 17. Jahrhundert registrierten Historiker 40 Finanz- und Börsenkrisen. Jedem Kurssturz geht ein Phase voraus, in der Anleger vorübergehend alle Börsenregeln außer Kraft setzen und nur noch einem Gesetz vertrauen: Je teurer Aktien werden, desto mehr werden sie gekauft.

1874: Wirtschaftseuphorie und Spekulationslust bestimmen die Gründerzeit ab 1867 in Europa. Nach Verabschiedung eines liberalen Aktiengesetzes im Deutschen Reich von 1870 bricht eine Flut von Neuemissionen über die Börsen hinein. Immer mehr Bürger frönen ihrer Leidenschaft am Glücksspiel an der Börse. Die Wiener Weltausstellung 1873 verdeckt noch die Krisenzeichen. Doch immer mehr Banken, Immobilien- und Eisenbahngesellschaften ohne seriöse Geschäftsgrundlage gehen Bankrott. Weil viele Anleger Nachzahlungsverpflichtungen für ihre Kredite nicht mehr nachkommen können, platzt die Börsenblase. Die Kurse der wichtigsten Unternehmen büßen mehr als die Hälfte ihres Wertes ein.

1907: Voller Technikgläubigkeit bejubeln Europäer und Amerikaner das neue Jahrhundert. Der gerade ins Leben gerufene Dow-Jones-Index legt eine galoppierende Hausse hin. Zu den größten Gewinnern zählen Eisenbahnwerte wie Reading, die plötzlich für mehr als 100 Dollar gehandelt werden. Neuemissionen scheinen keine Kursgrenzen zu kennen. Entfacht wird das Kursfeuerwerk durch Kredite, die Makler ihren Kunden geben. Am 24. Oktober 1907 platzt die Blase. Banken haben kaum noch Geld, um die Einschussforderungen der Makler zu befriedigen. Neues Geld ist allenfalls für Zinsen von 100 und mehr Prozent zu bekommen. Weil der Börse das Geld ausgeht, steht sie vor der Schließung. Erst als die größte Autorität an der Wall Street, John Pierpont Morgan, Chef des Bankhauses Morgan, Leerverkäufer wie Jesse Livermore – er wird mit seiner Spekulation auf fallende Kurse zum Millionär – zur Besonnenheit mahnt und Banken auffordert, auf ihre Rücklagen zurückzugreifen, endet die Panik.

1973/74: Wie in allen Boomphasen glauben Investoren Anfang der siebziger Jahre, es gebe keine Rezession mehr. Sie setzen auf Aktien mit scheinbar unbegrenztem Ertragswachstum. Dazu zählen Titel von Konzernen wie Walt Disney, Coca-Cola und McDonald’s, die weltweit immer neue Märkte erschließen. Bei diesen „Nifty Fiftys“ werden ebenso hohe Bewertungen akzeptiert, wie dies Ende 1999 bei SAP, Deutsche Telekom oder Cisco der Fall sein wird. Hohe Inflations- und Zinsraten, die Krise in Nahost und vor allem das Ölembargo der arabischen Welt beenden den Traum. Im September 1973 verfünffacht sich der Ölpreis auf zehn Dollar. Die Konjunktur wird abgewürgt. Die Aktienkurse halbieren sich. Erst fünf Jahre später erreicht der Markt sein altes Hoch.

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