Geldrausch
„Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig“

Europa tut es. Und die Amerikaner tun es. Sie drucken noch mehr Geld, um der Krise Herr zu werden. Die Finanzmärkte sind begeistert. Doch was ist der Preis? Experten fürchten erhebliche Nebenwirkungen.
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DüsseldorfErst die Europäische Zentralbank, jetzt die Federal Reserve: Die Notenbanken überschwemmen die Welt mit billigem Geld. Damit wollen sie die Krise bekämpfen. Doch der Plan birgt erhebliche Risiken. Kritiker sagen: Das Geld, das die Notenbanken drucken, kommt nicht dort an, wo es hin soll. Es kurbelt nicht die Wirtschaft an, es schafft keine Arbeitsplätze. Stattdessen fließt es in die Finanzmärkte – und könnte zu unerwünschten Nebenwirkungen führen.

„Was haben die bisherigen quantitativen Maßnahmen der Fed gebracht?“, fragt Christoph Balz von der Commerzbank in einer Analyse. Er gibt die Antwort gleich selbst: „Vor allem haben sie an den Märkten für Jubel gesorgt.“

Nachdem die EZB erklärt hatte, dass sie unbegrenzt Anleihen der hochverschuldeten Euro-Staaten aufkaufen wird, ist nun die US-Notenbank nachgezogen. Fed-Chef Ben Bernanke kündigte gestern ebenfalls ein Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen an, es ist bereits das dritte innerhalb weniger Jahre, im Fachjargon Quantitative Easing 3 (QE3) genannt.

An den Börsen herrscht schon wieder Jubelstimmung. „Wieder einmal hat die Fed die EZB überboten“, erklärt Trevor Greetham, Leiter Anlagestrategie bei Fidelity Worldwide Investment. Ben Bernanke habe alles richtig gemacht.

„Das ist genau das, was die Wall Street und eigentlich auch die breite Masse von der Fed erhofft hatten“, sagte auch Todd Schoenberger, Geschäftsführer des Brokerhauses Blackbay Group in New York. „Hätte die Fed sich für das Abwarten entschieden, wäre die Gefahr sehr viel höher gewesen. Glücklicherweise wird diese geldpolitische Lockerung das Land vor einem deutlichen Abwärtstrend bewahren.“

Nach der Ankündigung der Fed legten die Kurse an den Aktienmärkten zu. In New York stieg der Dow Jones um 1,6 Prozent auf 13.539 Punkte, in Tokio legte der Nikkei um 1,8 Prozent auf 9.159 Zähler zu und in Frankfurt machte der Dax einen Satz um 1,5 Prozent auf 7.423 Punkte – den höchsten Stand in diesem Jahr. Auch die Preise für Rohstoffe legten deutlich zu.

Ob die Begeisterung lange anhalten wird, ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre fraglich. „In den vergangenen Jahren nahmen die Finanzmärkte jede weitere Liquiditätsspritze mit großer Begeisterung auf. Diese Phasen der Euphorie wurden allerdings immer kürzer, der Ruf nach weiteren Spritzen immer lauter. Mit anderen Worten: Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig“, sagt Ad van Tiggelen, Chefanlagestratege von ING Investment Management. Selten zuvor sei die Weltwirtschaft einer solchen Droge ausgesetzt. Die von den Zentralbanken insgesamt gehaltenen Aktiva haben sich in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt und erreichten Ende 2011 rund 18 Billionen Dollar.

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„Die Droge wirkt, doch sie macht süchtig“

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Ein großer Teil versickert

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Inflation der Vermögenspreise

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  • Hallo Vicario,
    auch ich bin dabei die Politiker an der Spitze auszutauschen, weil sie nicht mehr glaubwürdig sind. Nur wer soll Sie ersetzen? Die retten doch alle den €, blind für die Wirkungen wie sie sind!!!
    Sie retten eine Idee die keine mehr ist, wenn sie jemals eine war. Ich finde unsere politischen Führung z. k. weil sie nicht merkt welches Spiel gespielt wird: "meine Schulden zahlt Deutschland"!
    Wenn wir wirklich im Verbund mit anderen europäischen Ländern in Zukunft international bestehen wollen, dann brauchen wir verläßliche Partner die sich an die Verträge halten und die wirtschaftlich leistungsfähig sind und sein wollen. Haushaltsdisziplin ist eine Selbstverständlichkeit und keine "aufgezwungene Maßnahme von Fremden"!!!

  • Die NOMENKLATURA CDU,SPD,FDP,GRÜNE erzählt dem Wähler in allen Talkshows, wie sie Schuldenbremsen in der EU einführen, um den Schuldenabbau voranzutreiben. Im gleichen Atemzug winken Sie für 2013 fast 19 Mrd € Neuschulden durch. Wie soll man das denn verstehen ?
    Wann will denn unse Staat mit dem Schuldenabbau beginnen ?
    Dieses verlogene Gesöff muß nächstes Jahr WEG !!!!

  • @RamonGaluptra: Richtige Bemerkung. Das neue Geld wird zur Begleichung der Schulden verwendet, die damit mittelfristig allerdings auch entwertet werden. Allerdings können die Gläubiger ihr Geld vorher noch in Sachwerten anlegen. Die Inflation wird die kleinen Leute viel stärker treffen als die Reichen. Deswegen bejubelt wohl auch die von allem Geist verlassene SPD diese Verschuldungspolitik :-))

    Ein Riesenproblem der derzeitigen Gelddruckerei ist die Verwendung. Das Geld dient praktisch nur zur Vermögensrettung. Es werden damit keine Zukunftsinvestitionen getätigt. Das ist ein Riesenunterschied zum Verhalten der USA nach 1929. Damals wurde im deficit spending in Infrastruktur investiert, zum Teil mit Jahrhundertprojekten wie dem Hover-Damm. Solche Investitionen finden in (Süd)europa nicht statt. Daher wird auch nichts zum Abbau der Arbeitslosigkeit insbesondere der Jugendlichen getan.

    Das ist der Hauptgrund, warum das System Draghi zusammenbrechen wird. Länder, deren Jugendliche zu 50% arbeitslos sind und die nicht investieren, verlieren ihre Zukunft und können schon aus diesem Grund ihre Schulden nicht zurückzahlen. Das Ganze ist auch ein Verteilungsproblem. Das Geld fließt in die Taschen der reichen (alten) Oberschicht in den Mittelmeerstaaten. Die eigene Jugend wird dabei vernichtet. Die steuerhinterziehenden, kriminellen alten Säcke vernichten ihre Staaten. Und wir unterstützen sie dabei.

    Draghi und seine Fans sind entsetzlich dumme Geldpolitiker. Sie "retten" (vorübergehend) den Euro, aber sie betreiben dabei keine sinnvolle Investitions- und Strukturpolitik - im Gegenteil die Strukturen verfallen. Ihre Politik führt daher unweigerlich zur Verelendung und Vernichtung Europas. Was für ein Irrsinn! Und das alles wegen eines Euros, den keiner braucht. Unsere Politiker verüben ein Schwerverbrechen an der Jugend und ihrer Zukunft!

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