Geplante Anleihe könnte entfallen
Diagnostika-Verkauf kuriert Bayer-Aktie

Selbst langjährige Bayer-Mitarbeiter zeigten sich überrascht: Diagnostika? Verkauf? Als der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern die Veräußerung seiner Division Diagnostics an Siemens am späten Donnestagabend verkündete, waren nicht nur Marktbeobachter und Mitarbeiter von dieser Nachricht verblüfft.

LEVERKUSEN/FRANKFURT. Aber unter dem Strich spielt das satte 3,6 Milliarden Euro in die gerade durch den knapp fünfmal so teuren Schering-Kauf in die Unternehmenskasse, Einen Verkauf des Diagnostika-Geschäfts hatte niemand auf der Rechnung. Vielleicht lag das auch daran, dass der Großteil dieser Aktivitäten sich überwiegend in den USA abspielt. Bayer gibt damit 1,4 Milliarden Euro Umsatz und rund 5 000 Mitarbeiter ab. Im vergangenen Jahr wurde der Geschäft mit Diagnostika um 8,4 Prozent ausgebaut.

Erst bei der näheren Erklärung wird klar, wie eng mittlerweile die Informationstechnologie selbst in die reinsten Pharmabereiche vorgedrungen ist. Hardware, IT-Vernetzung und ein umfangreicher Geräteservice waren für Bayer in diesem Bereich ein einträgliches Geschäft. Jetzt wechseln rund 5 000 Mitarbeiter zu einem Konzern, der Technologie zu seinen Kernkompetenzen zählt. Sie verbessern damit wohl ihre beruflichen Aussichten.

Bayer will sich dafür noch mehr "auf Arzneimittel für Mensch und Tier sowie konsumnahe Produkte" konzentrierten, klärte Bayer-Chef Werner Wenning bei der Bekanntgabe auf. Damit ist dem Vorstandsvorsitzenden von Deutschlands zweitgrößtem Chemiekonzern der zweiten Coup innerhalb weniger Tage gelungen. Erst in der vergangenen Woche konnte er stolz den Vollzug der Übernahme des Berliner Pharmakonzern Schering nach einem wahren Bieter-Krimi mit der Darmstädter Merck verkünden.

Auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass Bayer seine Diagnostika verkauft, um damit Schering zu bezahlen, so hat das erst im Nachhinein etwas miteinander zu tun. Zunächst konnte Wennings Team nämlich überhaupt nicht wissen, ob der Handel klappt. Schließlich wurden Wolff Walsrode und H.C. Starck explizit genannt, mit deren Verkaufserlöse der Schering-Deal zum Teil finanziert werden sollte.

Finanzielle Vorteile hat der Diagnostika-Verkauf für Bayer nun allemal, wie erklärt wird: Die geplante Hybrid-Anteile für 1,3 Mrd. Euro wird möglicherweise ganz entfallen oder zumindest ein deutlich kleineres Volumen umfassen. Schließlich lassen sich Anleger mit bis zu zwei Prozent mehr als konventionelle Unternehmensleihen für das erhöhte Risiko bei diesen nachrangigen Unternehmensanleihen bezahlen.

Zum anderen soll die im Zusammenhang mit der Schering-Übernahme angekündigte Eigenkapital-Aufnahme von bis zu vier Milliarden Euro nun um voraussichtlich 500 Millionen Euro geringer ausfallen, lässt Bayer wissen.. Bereits im März hatten die Leverkusener in einem ersten Schritt eine Pflicht-Wandelanleihe im Volumen von 2,3 Milliarden Euro emittiert. "Insgesamt reduziert dieser Verkauf unsere Verschuldung deutlich und trägt damit zur Verbesserung unserer Rating-Kennzahlen bei", so Wenning.

Nicht zuletzt haben sich die Aussichten für Bayer bei den Rating-Agenturen verbessert. Eine befürchtete Herabstufung ihrer Bonitätsbewertung durch die weltgrößte Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) wird geringer ausfallen. Anfang der Woche hatte S&P noch erklärt, die Bonitätseinstufung für die Schulden von Bayer werde eher um zwei Schritte auf "BBB+" als nur um einen auf "A-" gesenkt. Bislang: Das Langfrist-Rating liegt bei "A", das Kurzfrist-Rating bei "A-1".

S&P wie auch andere Analysten hatten die Einstufungen nach der milliardenschweren Offerte von Bayer für Schering auf die Beobachtungsliste genommen und prüfen sie seither auf eine mögliche Herabstufung.

All diese Signale hörte die Börse heute gerne. Bayer führt den Dax mit einem Plus von deutlich über fünf Prozent an.

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